Als Reisende zwischen den Welten

Bolivien – Kanada. Für eine Konferenz machte ich mich auf den langen Weg von Cochabamba nach Vancouver.

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Im Zentrum von Vancouver. Fotos: Sarah Kollnig

In der Woche nach Ostern machte ich mich auf den langen Weg zu einer Konferenz in Vancouver, Kanada. Als ich meine bolivianischen Freunde anrief und ihnen sagte, ich sei gut angekommen, meinten sie: „Jetzt bist du wieder in der Zivilisation angelangt.“

Die Hochhäuser aus Glas und Stahl, die sauberen Gehsteige und Hunde an der Leine standen in der Tat in einem extremen Kontrast zu den staubigen Straßen und Horden von Straßenhunden in Cochabamba. Doch wer denkt, dass Vancouver deswegen „zivilisierter“ ist als Cochabamba, tappt in die Falle einer Denkweise, die die Welt seit der Kolonialzeit geprägt hat. Diese Denkweise zieht eine Trennlinie zwischen uns, der westlichen Welt, und den „Anderen“ in den gewaltsam eroberten Gebieten. Wir sind rational, sie sind emotional. Wir haben Religion, sie haben Aberglauben. Wir haben Wissenschaft, sie Kultur. Diese Grundsätze bestimmen unsere Identität und die Identität der Menschen in den ehemaligen Kolonien.

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Auf der Bootstour in Vancouver erzählte eine Frau die Geschichten ihres indigenen Volkes – kulturelle Ausbeutung oder ein Schritt hin zu einem interkulturellen Verständnis?

Kolonialismus dauert bis heute in den Köpfen der Menschen an – die oben genannten rassistischen Unterscheidungen sind fester Teil unseres Gedankengutes. Hand in Hand mit dem in der Kolonialzeit geborenen Rassismus geht Sexismus. Es ist kein Zufall, dass die Unterscheidung zwischen westlicher Welt und dem Rest der Welt entlang sexistischer Linien gezogen wird: Wir haben männliche Eigenschaften, sie weibliche.

Es gehört zum Kolonialismus, dass es den Menschen als begehrenswert erscheint, Teil der Kultur der Kolonialmacht zu werden. Das verspricht Überlegenheit den anderen gegenüber. Wenn Bolivianer voller Bewunderung über die technischen Errungenschaften der industrialisierten Länder sprechen, dann spielt koloniales Denken eine Rolle. Wenn Europäer sich auf Abenteuerreise in Entwicklungsländer begeben, dann haben sie oft Erwartungen, die denen der Kolonialzeit entsprechen.

Für Bolivianer sind die Vereinigten Staaten oder Spanien das „gelobte Land“. Doch wenn sie es schaffen, dort anzukommen, finden sie eine ernüchternde Realität vor. Sie werden als Migranten am Arbeitsmarkt ausgebeutet und haben oft keinen Anspruch auf Sozialleistungen. Und wenn die Europäer sich im Abenteuerurlaub aus dem Hotelkomplex wagen, finden sie bittere Armut und Skepsis gegenüber den europäischen Touristen vor.

Rassismus hat konkrete materielle Folgen, die politische Lösungen brauchen. Aber wir müssen auch unser Denken ändern. Kultureller Pluralismus lehrt uns, dass keine Kultur einer anderen überlegen ist. Jede Kultur hat Gutes und Schlechtes, und es geht darum, sich in „Grenzdenken“ zu üben. Was der argentinische Philosoph Walter Mignolo damit meint, ist, dass im Grenzland zwischen den Kulturen und den Ideologien sich Möglichkeiten eröffnen, ein neues Denken zu erschaffen. Dazu müssen wir die eigene und die neue Kultur kritisch betrachten. Das ist eine intellektuelle Anstrengung, die über das unkritische Zusammenwürfeln verschiedener Menschen unter dem Motto „Diversity“ oder „Vielfalt“ hinausgeht.

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Sarah Kollnig, geboren 1984, Nußdorferin, studierte Umweltwissenschaften. Nach einigen Jahren Berufserfahrung arbeitet sie als Doktorandin an der Universität Lund in Schweden. Ihr Fachgebiet ist die Humanökologie. In ihrer Dissertation beschäftigt sie sich mit sozialen Ungleichheiten und Nachhaltigkeit im bolivianischen Ernährungssystem. Derzeit lebt sie für ein Jahr Feldforschung in Cochabamba, Bolivien.

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