Lienz: Ein „Lichtermeer“ für die Magomedovs

Ein friedlicher und ruhiger Protest als unausgesprochen politischer Aufruf. Video!

Mehr als 700 Menschen kamen am Sonntag Abend auf den Lienzer Hauptplatz und stellten als Zeichen der Solidarität mit der Familie Magomedov ihre Kerze vor der Liebburg ab. Der Jurist Sepp Brugger erzählte – sichtlich bewegt – noch einmal ihre Geschichte. Die Kinder der Volksschule Lienz-Süd sangen mit ihrem Lehrer Klaus Schneeberger Lieder für ihre Schulkollegin und Freundin Sali, die älteste Tochter der Magomedovs, die inzwischen – für diese Kinder unverständlicherweise – die Schule nicht mehr besuchen kann. Dekan Franz Troyer verlas ein Schreiben von Bischof Hermann Glettler an das Bundesamt für Fremdenwesen und Asylrecht, in dem er darum bittet, die Abschiebung der Familie Magomedov als „ein Zeichen der Menschlichkeit“ neu zu beurteilen.

Für Bischof Glettler – wie wohl auch für alle Anwesenden – spricht laut diesem Brief alles, die gute Integration der Familie samt Beschäftigungszusage und finanzieller Unabhängigkeit vom Staat, die prekäre Sicherheitslage in Dagestan und die damit verbundene Gefahr für die Familie sowie die breite Anteilnahme der Bevölkerung, für die Gewährung eines Bleiberechtes für die Familie. Seine Aussagen blieben an diesem Abend die einzigen offiziellen. Bürgermeisterin Elisabeth Blanik und mehrere Lienzer Gemeinderäte waren zwar anwesend, hielten aber selbst keine Reden. Das Lichtermeer für die Magomedovs blieb ein stummer politischer Aufruf, in dem Hunderte von Menschen allein durch ihre Anwesenheit und ihre Kerzen eine dennoch politische Haltung einnahmen.

Aus den Gesprächen der Anwesenden hörte man das klar heraus. Es ging um die Zukunft der Familie Magomedov, aber es ging auch um die Zukunft in Österreich. Um das Gefühl, ob wir nun in einem modernen, aufgeschlossenen Land leben, in dem es genug Platz und Toleranz für Menschen anderer Nationalitäten gibt oder ob wir uns wieder in einer Zeit befinden, in der die Angst vor dem Fremden und der Schutz des Eigenen für politische Macht genützt werden kann. Es ging um Gefühle wie Angst vor der Hilflosigkeit angesichts politischer Willkür, um die Hoffnung, dass es diese in einem reichen, freien Staat im Jahre 2018 doch nicht geben kann, um Zuversicht, um Mitgefühl, um Wut und Verzweiflung. Es war definitiv ein sehr emotionaler Abend und es war definitiv auch ein politischer. Denn wenn sich so viele Menschen aus nicht eigennützigen Gründen in der Öffentlichkeit zusammentun, um für etwas einzustehen, dann ist das immer politisch. Auch ohne Plakate und Parolen.

Die Frage ist nun, ob diese stumme politische Aufforderung zu handeln, gehört wird. Ob die Bitte, den „Fall Magomedov“ noch einmal zu bearbeiten, ernst genommen wird. Ob die Tragik von unrechtmäßigen Abschiebungen, wie sie auch die Plattform Bleiberecht in Innsbruck beschreibt, erkannt wird. Und ob der Einspruch gegen die Ablehnung des humanitären Bleiberechtes für die Familie Magomedov noch rechtzeitig bis in das Amt für Fremdenwesen und Asyl durchdringt, um ihnen vielleicht doch noch eine Zukunft hier in Österreich zu erlauben.

Slideshow vom Lichtermeer auf dem Lienzer Hauptplatz: Brunner Images

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10 Postings bisher
griasenk

Und immer sind die Menschen Opfer. Natürlich gibt es Gesetze, aber es geht um Menschen und ich denke das diese Familie sich sehr gut integriert hat, allein aus diesem Grund haben sie schon ein Bleiberecht. Gesetze werden meisten von Menschen gemacht, die nie in solchen Situationen waren oder sind. Ab und zu sollte man die Menschlichkeit in den Vordergrund stellen. Ich ärgere mich über die Behörden, die sich solange Zeit lassen (aus welchen Gründen auch immer) und diese Menschen dann aus der vermeintlich gewonnenb Sicherheit und Geborgenheit reissen. Ich kenne diese Leute auch nicht, aber es hat glaube ich schon einen Grund warum diese Causa so viele Menschen aktiviert hat. Na ja wo der Amtsschimmel wiehert... Griasenk

Bafta

"Man darf eine Überzeugung nur dann über den Wert eines Lebens stellen, wenn es sich um das eigene handelt." B.S. Orthau

Es geht hier um Menschlichkeit. Menschen sind in der Lage Menschen zu verletzen. Menschen sind in der Lage Menschen zu umarmen. Es liegt immer an uns. Wir selbst entscheinden jeden Tag aufs Neue, jede Stunde, in diesem Augenblick welcher Mensch wir sein wollen.

Am Ende haben Menschen entschieden.

red_mit

ich habe es schon bei einem vorigen artikel gesagt und bin immer noch der meinung. die eltern und kinder mögen die liebsten kinder auf erden sein, ich kenn sie nicht persönlich. ich wünsche ihnen auch alles glück der welt. dennoch gibt es anscheinend keine rechtliche grundlage für ein bleiberecht, sonst wären nicht jegliche entscheidungen gegen die familie ausgefallen.

ich hoffe dennoch, dass die familie zusammenfindet.

    nikolaus

    @ "keine rechtliche grundlage für ein bleiberecht":

    Ich zitiere von der BFA-Website zum Thema "Aufenthaltstitel aus humanitären Gründen":

    "... Begründung des Antrages • weshalb die Erteilung eines Aufenthaltstitels aufgrund des Art. 8 EMRK zur Aufrechterhaltung des Privat- und Familienlebens geboten wäre oder • Angaben zu den besonders berücksichtigungswürdigen Gründen (insbesondere Unterlagen die den Grad der Integration, die Selbsterhaltungsfähigkeit, die schulische und berufliche Ausbildung, eine ev. Beschäftigung sowie vorhandene Deutschkenntnisse belegen) ...

    ... Für einen Großteil der Verfahren aus berücksichtigungswürdigen Gründen wird der Grad der Integration des Fremden eine wesentliche Rolle spielen und auch genauestens geprüft werden. Die Mitwirkung des Antragstellers bei der Feststellung des maßgeblichen Sachverhaltes (z.B. hinsichtlich des Integrationsgrades) ist unerlässlich und erleichtert das Verfahren. ..." (Zitat Ende) (voller Text unter https://www.bfa.gv.at/presse/thema/detail.aspx?nwid=6D7233753831747A6559553D&ctrl=796C386F347944696937796A68352F47503437326B513D3D&nwo=1)

    Mappen voll Unterlagen mit Unterschriftenlisten, Texten von Mitschülern, Arbeitsplatzgarantie, Stellungnahmen von Schule/Kindergarten, Patenschaftserklärung ... haben die Magomedovs angeschleppt. Alles usonst??? Was haben sie falsch gemacht??? Bitte um hilfreiche Hinweise!!!

Helwa

Shit happens -- game over - no happy ending

Seit seiner Festnahme am vergangenen Mittwoch saß der Familienvater Magomed Magomedov in Wien in Schubhaft. Von dort wurde er am Dienstagmittag nach Russland deportiert.

Die Mutter und die Tochter seien seit längerem wegen psychischer Probleme in Behandlung, ebenso wie der Vater. Wo sich die drei Mädchen und die Frau, die der Aufforderung, sich bis heute in Wien einzufinden, nicht nachgekommen war, jetzt befinden, wisse er nicht, sagt Brugger. Er hoffe aber, das Bundesverwaltungsgericht würde nun schnell entscheiden, um ihnen die Abschiebung noch zu ersparen.

Quelle: https://derstandard.at/2000087998517/Lienzer-Familie-soll-trotz-Protesten-am-Dienstag-abgeschoben-werden

freieinfoo5

...ein unausgesprochener aufruf...

...eine asoziale gesellschaft...

...inhumane menschen...

neutral

Ich denke auch, dass man diese couragierte Solidaritätskundgebung der vielen Menschen als politische Meinungsäußerung sehen kann und somit als Kritik an den unbarmherzigen Haltungen der aktuell regierenden Parteien. Ich bin mir sicher, dass neben den anwesenden Menschen noch viel mehr Menschen, die zu Hause geblieben sind, dies auch so sehen … Vor allem die türkise, christlich-soziale Partei mit ihren Vertretern auf allen politischen Ebenen (Gemeinde, Land und Bund) sollte rasch die vornehme Zurückhaltung aufgeben und im ureigensten christlich-sozialen Sinn zum Handeln und zu klaren politischen Äußerungen kommen.

kimba

Ich wuensche mir von ganzem Herzen, dass die Menschlichkeit siegt und die Familie bleiben darf. und ich bin sehr stolz, dass es in Osttirol doch sehr viele Menschen gibt, die sich dafuer einsetzen.

    MitMensch

    Ganz meine Meinung! Zur Erinnerung: Online-Petition unterzeichnen: http://www.openpetition.eu/!magomedov

Beatrix Herzog

Sehr berührend sind die Worte von Rebecca Mair am Telefon :( da fließen Tränen. Die vielen Lichter gestern lassen ein Wunder geschehen, ganz bestimmt, sodass dieser "Fall" noch einmal bearbeitet wird und die Familie Magomedov glücklich in Lienz leben darf.