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Lienz: Keine Handelsfläche an der Nußdorfer Straße

Privater Bauherr darf Wohnungen bauen, aber kein Geschäft ansiedeln.

Paul Meraner, Südtiroler Immobilienentwickler mit Wohnsitz in Lienz, wundert sich. Vor Jahren kaufte seine Firma Merfin Bau Ges.m.b.H. das Grundstück zwischen Kärntner-, Josef-Schraffl- und Nußdorfer Straße, auf dem das denkmalgeschützte Siechenhaus und die Pestsäule stehen, zwei Kulturdenkmäler, die man in Lienz zwar schon im Volksschulunterricht kennenlernt, die aber in der Realität einen Dornröschenschlaf schlafen, abseits jedes öffentlichen Interesses.

Das wollte Meraner nach eigenen Angaben ändern. „Ich hab ein Faible für solche Objekte, auch in Südtirol habe ich einige Projekte dieser Art realisiert.“ Die Idee war, das Siechenhaus zu renovieren und eventuell ein kleines Museum dort einzurichten. Den an das historische Gebäude angrenzenden Bauernhof wollte der Grundstückseigentümer abreißen und stattdessen ein Gebäude mit Mischnutzung – Wohnen und Handel – errichten.

Im Erdgeschoß sollte auf 800 Quadratmetern ein heimischer Elektro-Fachhandelsbetrieb angesiedelt werden, darüber Wohnungen auf zwei bis drei Geschoßen. Ein mehrjähriger – aus Meraners Sicht mühsamer – Diskurs zwischen Bauwerber und Baubehörde endete am 17. September im Lienzer Gemeinderat mit einer Entscheidung, die vor allem vor dem Hintergrund weiterer Entwicklungen an der Nußdorfer Straße nicht unspannend ist.

Eine Handelswidmung, der die Stadt nach langem Hickhack eher halbherzig zustimmte, wurde vom Land Tirol als Aufsichtsbehörde die Genehmigung versagt. Begründung: Es bestehe in diesem Teil der Stadt kein Bedarf an Handelsflächen. Tatsächlich sprang während des langen Verfahrens der ursprünglich geplante Mieter ab und fand ein paar hundert Meter weiter an der Zettersfeldkreuzung eine neue Bleibe. Einen neuen Geschäftsmieter fand Paul Meraner bislang nicht – und braucht ihn nun mangels Widmung auch nicht mehr.

Auf diesem Grundstück sollten Wohnungen und ein Geschäft im Erdgeschoss entstehen. Nun wird ein reines Wohnobjekt geplant, angrenzend an das denkmalgeschützte Siechenhaus mit historischer Pestsäule, das der private Bauherr sanieren möchte. Alle umliegenden Gebäude gehören der RGO, die allerdings sämtliche Nutzungen an die Peripherie absiedelte. Foto: Dolomitenstadt/Wagner

Die Fläche bleibt widmungstechnisch sogenanntes „landwirtschaftliches Mischgebiet“. Geschäft darf hier keines eröffnen, Wohnungsnutzung ist aber erlaubt. Alexander Kröll (ÖVP), Obmann des Bauausschusses, erklärte im Gemeinderat, dass der Bebauungsplan für das Grundstück weiterhin aufrecht bleibe, Kubatur, Abstände und Höhen könnten unverändert realisiert werden. Paul Meraner nimmt es gelassen und plant nun die Errichtung von rund 20 Wohnungen, vorwiegend mit eher kleineren Flächen. Dennoch wundert er sich über die Bedarfseinschätzung der Behörden. Immerhin sei das gesamte Areal ein eigentlich spannendes innerstädtisches Entwicklungsgebiet auf dem seit Jahren Stillstand herrsche und deshalb Handlungsbedarf bestehe.

Auf der anderen Seite der Josef-Schraffl-Straße ist nämlich der Gartenmarkt der RGO situiert, der in wenigen Wochen an die B100 in der Peggetz übersiedeln wird und einen weiteren großen Leerstand zurücklässt. Jahrzehnte wurde am Ort auch mit Vieh gehandelt, bevor die Raiffeisen-Genossen die Gegend rund um die stillgelegte Versteigerungshalle in eine Brache in mittlerweile fragwürdigem Zustand verwandelten. Mit viel Trara präsentierten RGO und das Lienzer Stadtmarketing vor mittlerweile sieben Jahren in der Spitalskirche Entwürfe von Architekturstudenten für einen neuen Stadtteil mit verdichtetem Wohnbau, Spielplatz und einer Schule.

Zwischenzeitlich wurden stattdessen Einfamilienhäuschen und Wohnblöcke auf ehemaligen Ackerflächen in der östlich gelegenen Minekugel realisiert und demnächst wird ein großer Fachmarkt der Bauern-Genossenschaft an der B100 eröffnet – ebenfalls auf ehemaligem Ackerland. Was mit dem Raiffeisenareal mitten in der Stadt geschehen soll, bleibt dagegen weiter offen.

Gerhard Pirkner ist Herausgeber und Chefredakteur von „Dolomitenstadt“. Der promovierte Politologe und Kommunikationswissenschafter arbeitete Jahrzehnte als Kommunikationsberater in Salzburg, Wien und München, bevor er mit seiner Familie im Jahr 2000 nach Lienz zurückkehrte und dort 2010 „Dolomitenstadt“ ins Leben rief.

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6 Postings

stromfranz
vor 5 Jahren

Ein großes Lob an die Lienzer Bürgermeisterin und einigen Gemeinderäten, die dem Wahnsinn der Umwidmung von wertvollen Ackerflächen in Bauland ein Ende bereiten. Der Vielfraß von hochwertigen Agrarflächen und die Versiegelung, sowie der Bau von ebenerdigen Betonbaracken muß zur Strecke gebracht werden. Es gibt keinen Unterschied von Abholzung des Regenwaldes oder der Versiegelung von Ackerflächen. Bewußtsein allein reicht nicht, es muß Leute geben, die handeln. Alle, die so denken, meldet Euch, um gemeinsam gegen den Fraß zu kämpfen. Die Osttiroler haben auch eine „Greta“, die heißt „Elisabeth“.

 
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Edi1913
vor 5 Jahren

Boxkämpfe in der "Ochsenmoschee", das waren noch Zeiten! 😉

 
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wolf_C
vor 5 Jahren

... natürlich ist das Entwicklungskonzept von Lienz nicht von modernen Gedanken geprägt, es bedient konventionelle Geschäftsinteressen und Spekulation auf Kosten von Umwelt und Gemeinwohl ... und die Flächen die sich mittels Unterschrift in Millionenwerte verwandeln, verantwortet ausschliesslich der Gemeinderat und der Bürgermeister ... so gesehen möchte man gar nicht wissen, wer was warum bekommt oder eben nicht ...

 
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Gertrude
vor 5 Jahren

Es ist eine Schande, in welchem Zustand die RGO dieses Areal hinterläßt. Jedem Privaten hätte man sicher schon längst Auflagen erteilt, bei der RGO ist aber alles erlaubt. Umweltbewusstsein scheint es bei den Bauern keines zu geben- Neubauten auf der grünen Wiese- und viel zu viel Geld scheinen sie auch zu haben!

 
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    rebuh
    vor 5 Jahren

    ja da haben wir glück, das wenigstens am molkereigelände diese bauermafia nichts mehr zum melden hat, sonst bliebe da auch noch für lange zeit nur verbrannte erde. allerdings sitzen die hauptschuldigen wohl im gemeinderat, welcher die neubauten auf der grünen wiese ohne auflagen für die altbestände bewilligt hat!

     
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      Senf
      vor 5 Jahren

      was hat das eine mit dem anderen zu tun? die "bauernmafia" wie sie sie nennen hinterlässt hier - wie bei der ehemaligen genosenschaftsmühle - ruinen und wartet genüsslich ab, bis sie die grundstücke millionenschwer verscherbeln kann. das wird auch noch beim mischfutterwerk realität. da nütze auch kein seitenhieb gegen den stadtrat, auch wenns noch so passend klingt.

       
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