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Andreas Brunner arbeitet in der Lienzer Kunstwerkstatt an seiner Deutung der Geburt Jesu. Foto: Miriam Raneburger

Andreas Brunner arbeitet in der Lienzer Kunstwerkstatt an seiner Deutung der Geburt Jesu. Foto: Miriam Raneburger

Andreas Brunner skizziert Weihnachten im Vatikan

Über den Künstler Andreas Brunner und eine Weihnachtskrippe aus Papier, die einige Fragen an die Gegenwart stellt.

Andreas Brunners Papierkrippe wurde im Dezember 2018 im Tiroler Volkskunstmuseum zum ersten Mal präsentiert. Heuer gastiert sie in der Ausstellung „Weihnachtskrippen aus Tirol“ im Diözesanmuseum in Graz.

Andreas Brunner, geboren 1960, lebt in Nikolsdorf. Bis zu seiner Pensionierung war er dort als Saisonarbeiter im Landesforstgarten beschäftigt. Als unterstützendes Mitglied zahlreicher Vereine, als Angehöriger der Nikolsdorfer Schützenkompanie, des Theatervereins oder als ehrenamtlicher Helfer beim Roten Kreuz ist er fest mit dem gesellschaftlichen und kulturellen Leben seiner Heimat verbunden. Aus diesem reichen Fundus schöpft er auch den Stoff für seine Bildergeschichten, die zum Beispiel im Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum, im Messepalast Wien und in der Galerie Paul Andriesse in Amsterdam ausgestellt wurden.

In der Kunstwerkstatt Lienz hat Brunner sein handwerkliches Können in unzähligen Zeichnungen unermüdlich geschult und sich seine prominente Stellung als Humorist redlich erworben. Er unterwandert geläufige Vorstellungen von Kunst durch einen spartanischen Zeichenstil, feinfühlig differenzierte Konturen, knappe Angaben und Auslassungen, die ambivalente Deutungen provozieren. Die Bewunderung für seine Kunst setzt sich auch dann durch, wenn man sich einmal selber als Opfer seiner Parodien wiedererkennt.

Andreas Brunner unterwandert geläufige Vorstellungen von Kunst...
... mit einem scharf konturierenden Zeichenstil und viel erzählerischer Begabung.

Bei einer Ideensammlung zu originellen Artikeln für den Galerie-Shop der Kunstwerkstatt Lienz stieß das Team auf eine Papierkrippe, die einerseits an regionale Traditionen anknüpfen, diese aber in künstlerisch ansprechender und zeitgemäßer Form interpretieren sollte.

Andreas Brunners scharf konturierender Zeichenstil und seine erzählerische Begabung haben dieses Anliegen kongenial bedient: Der Künstler entwarf eine Vielzahl von Figuren, aus denen er um das zentrale Motiv der Heiligen Familie eine 20-teilige Auswahl gruppierte, die einerseits verschiedenste Arrangements zulässt und andererseits scheinbar themenfremde Personen – wie kommt etwa Padre Pio in diese Geschichte? – in eine neue, „andere“ Erzählung von Weihnachten einschließt. „Jesus ist der ersehnte Friede – auch wenn vom ‚o wie lacht Lieb aus deinem göttlichen Mund‘ in dieser Darstellung noch nicht viel zu bemerken ist. Eher noch Störung. Das gehört mit dem Erschrecken ja auch zur Gottesbegegnung“, postete Diözesanbischof Glettler am Heiligen Abend 2018.

„Weihnachten im Vatikan“ – Andreas Brunners szenische Darstellung der Weihnachtsgeschichte lässt verschiedenste Arrangements zu. Hier eine Auswahl aus der 20-teiligen Figurengruppe aus Papier mit dem Petersplatz als monumentalem Bühnenbild. 

Fast 800 Jahre nach dem ersten Krippenspiel der Geschichte, das der Hl. Franz von Assisi mit den Einwohnern von Greccio aufführte und damit eine weltweite Tradition begründete, ist Brunners Modernisierung nur konsequent: Sie verbindet den außerhalb der 1500 Seelen-Gemeinde im Rietital heute kaum noch geläufigen Ursprung mit einigen Fragen der Gegenwart: Gastgeber ist der Papst, kenntlich gemacht u. a. durch die roten Schuhe, obwohl er nicht nur als erster den für seine Vision einer armen Kirche programmatischen Namen Franziskus gewählt, sondern auch demonstrativ auf diese Insignien verzichtet hat. Mutter Teresa dagegen ist barfuß. Aus ihrem Blickwinkel fragt auch der „Krippenberg“, das Szenenbild, welches – perspektivisch aus einem bestimmten Abstand betrachtet – den Petersplatz in seiner Weite und Tiefe vortäuscht, nach den Armen im Vatikan. Wie sind die gläubigen Hirten von damals mit dem obersten Hirten der Gläubigen von heute zusammenzubringen? Der Künstler, der sich selbst im Franziskanerhabit dargestellt hat, überlässt die Antwort jedem, der die Krippe nach eigenem Gutdünken zusammenbauen will. Er stellt nur die Requisiten und das Personal zur Verfügung.

Andreas Brunner, Mitglied der Kunstwerkstatt Lienz.

Andreas Brunner im Dolomitenstadt-Artshop.

Rudolf Ingruber ist Kunsthistoriker und Leiter der Lienzer Kunstwerkstatt. Für dolomitenstadt.at verfasst er pointierte „Randnotizen“, präsentiert „Meisterwerke“, porträtiert zeitgenössische Kunstschaffende und kuratiert unsere Online-Kunstsammlung.

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