Wie sich Sexismus im Alltag äußert. Leserinnen erzählen. Alle Fotos: Dolomitenstadt/Wagner

Wie sich Sexismus im Alltag äußert. Leserinnen erzählen. Alle Fotos: Dolomitenstadt/Wagner

Alltagssexismus: Weil’s eben nicht plemplem ist

Von subjektiven Grenzüberschreitungen bis hin zu sexueller Belästigung: Frauen berichten.

Wir haben die Dolomitenstadt-Leserinnen und -Leser in einem Aufruf nach ihren Erfahrungen mit Sexismus im Alltag gefragt. Anonymisiert bieten wir ihnen hier eine Bühne. Weil viel zu oft geschwiegen wird.


Ich war in einer Bar mit Freunden. Ein Mann der stark alkoholisiert war, fasste mir zuerst ungefragt auf den Hintern, dann auf die Brüste. Er hörte auch nach mehrmaliger Aufforderung nicht damit auf. Ich wurde lauter, stieß ihn weg. „Sei doch nicht so!“, war sein Kommentar dazu. Nach dem dritten Mal Auf-die-Brüste-Fassen, stieß ich ihn zurück, drohte mit der Polizei und war außer mir. Seine Freunde versuchten den Konflikt zu schlichten und erklärten mir, er wäre halt betrunken. Einige Jahre später passierte Ähnliches. Ein Alkoholisierter belästigte mich und eine andere Frau massiv. Wieder mussten andere Männer eingreifen, da wir körperlich unterlegen waren.
Mir kam es damals so vor, als würde Alkohol als Entschuldigung Dinge zu tun, die erstens rechtlich strafbar und zweitens sexistisch sind, reichen, um die Tat rechtzufertigen. Kein Rock kann zu kurz und kein T-Shirt zu tief ausgeschnitten sein, um dies als Einladung aufzufassen, sich bedienen zu können!


Meine Erfahrungen als einziges Mädchen in einer Burschenklasse: Wenn ich einmal, was wirklich äußert selten vorkam, etwas Schminke auftrug, hieß es gleich „Hast du dich für mich heute so hübsch gemacht?“ Sobald ich etwas mehr Kontakt zu einem Mitschüler hatte, kam sofort das Gerücht auf wir würden miteinander gehen. In der Mittagspause wurden über den Beamer auf großer Leinwand Pornos geschaut. Viele Lehrer hatten die Auffassung, dass Frauen und Technik keine gute Kombination seien. Manche sagten mir das auch klar ins Gesicht. Selbst bei Gruppenprojekten, bei denen ich den Großteil der Aufgabe erledigte, wurden meist nur die Burschen für ihre gute Arbeit gelobt. Ich war kurz davor die Schule abzubrechen. Nicht weil ich das Interesse daran verloren hatte oder die Leistungen nicht erbringen konnte, sondern einfach deshalb, weil ich mich als Mädchen dort nie richtig wohl gefühlt habe.


Es ist ein herrlicher Sommertag. Die Vögel zwitschern. Die Sonne strahlt auf mein Gesicht herab. Ich schlendere fast schon im Hoppsala-Lauf gut gelaunt die Straße entlang und visiere mein Lieblingskaffee gleich um die Ecke an. „Bitte einen Verlängerten zum Mitnehmen. Mit Milch und ohne Zucker.“ Und schon spürte ich zwei große, maskuline Hände rund um meine Taille, die mich langsam Stück für Stück etwas nach rechts bewegten. Blitzschnell drehte ich mich um und entgegnete mit einem zischenden und zugleich fragenden „Entschuldigung?!“ Daraufhin kam von dem ca. 40 Jahre alten Herrn nur ein schmunzelndes Lächeln und ein: „Ich konnte die Vitrine mit den Kuchen nicht sehen“ entgegen. Eines von vielen Alltagsereignissen, die ich als Frau nicht selten erlebe…


Da ich öfters als Kellnerin arbeite, ist Sexismus in meinem Leben leider keine Seltenheit. Öfters bemerke ich Blicke, die an meinem Dekolleté haften bleiben, anstatt mir in die Augen zu schauen. Vor allem wenn Alkohol im Spiel ist, fallen bei vielen männlichen Gästen die Hemmungen und eine Hand kann schon einmal „zufällig“ am Gesäß landen. Je später die Stunde, desto anzüglicher werden die Bemerkungen, dies betrifft speziell mein Privatleben. Bei Sprüchen wie „Du siehst heute auch aus als wärst du einem Pornoheft entsprungen“ weiß man oft nicht ob man lachen oder weinen soll. Egal ob im Alltag oder im Beruf, wenn ich mit Sexismus konfrontiert werde, versuche ich nicht, dies über mich ergehen zu lassen.


Ich komme aus der Gastro, wo der Sexismus großgeschrieben wird. Kein Tag ohne sexistische Kommentare. Vor kurzem erst der Spruch, warum ich so viele Frauen eingestellt hätte, ah ja genau … Wehe man ist einmal geschminkt (Lippenstift), da kommen die derbsten Sprüche.


Als Frau mit Partner, die kinderlos ist (war nie mein ausdrücklicher Wunsch) gerate ich immer wieder in die Rechtfertigungsrolle, warum ich nicht Mutter bin. Wenn das Gespräch dann noch auf das doch nicht mehr ganz so jugendliche Alter fällt, hören viele die biologische Uhr laut ticken. Inklusive Aussagen wie „Die Arbeit ist nicht alles!“ oder „Ob ich dich noch schwanger erleben werde?“ oder ebenso „Das wirst Du später bestimmt bereuen!“ Es wäre schön, wenn man als Frau ohne Kinder ebenso respektiert werden würde.


Sexismus, die Vorstellung, dass ein Geschlecht von Natur aus dem anderen überlegen ist, wurde mir, wie so vielen Frauen, vor allem hier auf dem Land, sozusagen in die Wiege gelegt. Meine Mutter musste ihren Mann noch um Erlaubnis fragen, ob sie überhaupt arbeiten darf. Von anderen Ungerechtigkeiten ganz zu schweigen. Das überträgt sich in die nächste Generation. Ich habe viel von klein auf erfahren und übernommen.
Die Palette meiner Erfahrungen reicht von sexistischen Aussagen wie „Die Frau gehört an den Herd, der Herd in den Keller und der Keller unter Wasser“, über sexuelle Übergriffe bis zu struktureller Diskriminierung und Gewalt. Leider erfuhr ich diese Grenzverletzungen und Entwertungen auch durch Frauen. Offensichtlich ebenfalls gefangen in diesem ungleichen System, das die „Opfer – Täter – Problematik“ verursacht und begünstigt.


Wenn ich eine Straße entlangspaziere – tages- und uhrzeitunabhängig – ist es sehr oft der Fall, dass irgendwelche Personengruppen/Personen vor einer Bar oder einem Restaurant stehen oder sitzen und dann Anspielungen machen. Hin und wieder sind es Komplimente, oft sind diese „Komplimente“ dann aber unter der Gürtellinie. Das muss doch nicht sein, wenn man einfach nur eine Straße entlanggeht! 


Wir waren auf einem Ball und tanzten in der Gruppe zur Musik, als plötzlich ein Mann von vorne auf mich zukam. Er griff mir blitzschnell, aber sehr gezielt zwischen die Beine und war im gleichen Moment auch schon wieder verschwunden. Ich war absolut perplex und hatte keine Chance zu reagieren. Etwas ähnliches passierte mir auf einem anderen Ball, als mir jemand von hinten auf den Hintern fasste. Ich drehte mich um und beschwerte mich, bekam dann zu hören: „Ach, ich dachte der Arsch kommt mir bekannt vor.“ Damit verschwand er in der Menge.

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8 Postings bisher
Talpa

Keine Form der sexuellen Belästigung ist rechtfertigbar. Wenn ein Mann eine Frau attraktiv findet, kann er ihr das auch niveauvoll bekunden. Umgekehrt sollte das gleiche gelten. Vor ein paar Jahren, noch bevor die ganze MeToo- Debatte losging, in einem Lienzer Innsnstadtlokal zu späterer Stunde bewegte ich (Mann) mich aufs WC, und wurde von einer Gruppe Stadtbekannter alkoholisierter "Damen" sexuell belästigt. Mir wurde an den Hintern gefasst, eine der Damen bot mir an, "Ihn" mir halten zu wollen. Als ich daraufhin ablehnte und bemerkte, ich fände keine der Damen sexuell attraktiv, wurde ich von einer der Damen übelst beschimpft. Man stelle sich vor, ich hätte den Fall zur Anzeige gebracht, ich wäre wohl ausgelacht worden.

    Chronos

    Talpa, man merkt welch großartiger Mann Sie sind!

    Kling glong, und dann sind Sie abrupt aus Ihrem Traum aufgewacht! Sie sind, nach Ihrem Posting zu urteilen, nicht der Typ MANN auf den die Damen stehen. Also kann es sich nur um einen Traum gehandelt haben!

      Talpa

      Bitte nicht vom Thema ablenken. Nach dem zu urteilen, wie du etwas beurteilst, bist du nicht urteilsfähig. Trotzdem einen schönen Tag.

Omo

Ist das strafbar, wenn man einer hübschen Frau mit einem Auge zu zwinkert? Wie kann man straffrei eine Frau "anbaggern"? Bitte um Tipps!

    bobbilein

    erspar uns dein herumgeeiere. verhalte dich einfach ganz normal.

HussaHussaTrollolo

ach..

Cha447

Wichtiges Thema ..... nächstes bitte!

thermomixparty

Wichtiges Thema.

Danke den betroffenen Frauen. Einen Menschen aufgrund seines Geschlechts zu entwürdigen und dessen Integrität anzugreifen ist nicht normal und kann in einer angeblich so hochentwickelten Gesellschaft keinen Platz haben.

Als Mann macht man sich zum Mittäter, wenn solche Übergriffe toleriert und relativiert werden.