100 Bürger:innen wurden für den Klimarat ausgewählt, um dort Klimaschutz-Vorschläge für die österreichische Regierung zu erarbeiten. Der Tristacher Franz Zoier ist einer von ihnen. Foto: Dolomitenstadt/Wagner

100 Bürger:innen wurden für den Klimarat ausgewählt, um dort Klimaschutz-Vorschläge für die österreichische Regierung zu erarbeiten. Der Tristacher Franz Zoier ist einer von ihnen. Foto: Dolomitenstadt/Wagner

Ein „Mini-Österreich“ für die Klimaneutralität

100 Klimaräte beraten über Österreichs Zukunft. Der Tristacher Franz Zoier ist einer von ihnen.

„Das Überleben der Menschheit ist in Gefahr“, lautete kürzlich die eindringliche Warnung der Wissenschafter:innen, die im Rahmen des „Intergovernmental Panel on Climate Change“ (IPCC), kurz Weltklimarat genannt, weltweit regelmäßig den aktuellen Kenntnisstand zum Klimawandel zusammentragen und ihn aus wissenschaftlicher Sicht bewerten.

Auch in Österreich bringt sich ein Klimarat in Stellung: Die österreichische Bevölkerung aktiv in die Klimaschutzmaßnahmen miteinzubeziehen war eine der Kernforderungen des Klimavolksbegehrens, das im Juni 2020 von fast 400.000 Menschen unterzeichnet worden war. Umgesetzt wird die Forderung nun im Österreichischen Klimarat von 100 Klimaräten. Das sind nicht 100 hochkarätige Wissenschafter:innen sondern 100 Menschen, die zufällig in ganz Österreich ausgewählt und zu Klimaräten ernannt wurden.

Ihr Ziel: Gemeinsam Klimaschutzmaßnahmen zu erarbeiten, die von der breiten Bevölkerung mitgetragen werden. Der Tristacher Franz Zoier ist einer von ihnen. Wir haben ihn in der Dolomitenstadt-Redaktion zu einem Interview getroffen.

100 Menschen, sechs Wochenenden, ein Ziel: ein klimagesundes – und damit klimaneutrales – Österreich bis 2040. Foto: Klimarat/Pernegger

Herr Zoier, wie wird man denn eigentlich Klimarat?

Ich hab’ einen blauen Brief bekommen und hab gedacht, ich bin zu schnell gefahren. Tatsächlich war’s aber die Einladung zum Klimarat. Gefragt wird man da vorher nicht. Die Statistik Austria hat die Menschen zufällig ausgewählt, der Klimarat sollte eine Art „Mini-Österreich“ darstellen und breit gestreut sein: Verschiedene Altersstufen, Frauen, Männer, Studierte, normale Arbeiter, Einheimische, Menschen mit Migrationshintergrund usw. Ich hab’ dann darauf geantwortet und hab mir gedacht, ‚das wird eh nix‘, aber bin dann tatsächlich drangekommen. Andere Anforderungen außer der statistischen Auswahl gab es nicht, außer dass man bei den Treffen geimpft oder genesen und getestet sein soll.

Gibt es Teilnehmer:innen, die mit dem Thema Klimaschutz gar nichts am Hut haben?

Zum einen wurde klar kommuniziert, dass nicht in Frage gestellt wird, dass es den Klimawandel gibt und dass dieser vom Menschen gemacht ist. Zum anderen ist heute jeder und jede in irgendeiner Form vom Klimawandel betroffen.

Wir brauchen nur auf die extremen Wetterereignisse in Osttirol in den letzten fünf Jahren schauen. Man kann auch nicht sagen, es betreffe einen eh nicht, wenn der Meeresspiegel ansteigt, denn dafür schmilzt halt der Gletscher vor der Haustüre. Ich habe natürlich noch nicht mit allen 100 Teilnehmer:innen gesprochen, aber bisher war noch keine:r dabei, der gemeint hat, der Klimawandel betreffe ihn gar nicht.

Was macht man im Klimarat? Wo und wie oft trefft ihr euch?

Wir erarbeiten im Klimarat gemeinsam Vorschläge zum Klimaschutz, die wir dann der Bundesregierung vorlegen. Im Grunde genommen wissen die Politiker ja von der Wissenschaft her, was zu tun wäre, aber es geht darum, auch die Bevölkerung miteinzubeziehen und einen breiten Kontext dafür zu schaffen. Da geht es auch um Themen wie die soziale Ausgewogenheit der Maßnahmen. Um die Vorschläge zu erarbeiten, treffen wir uns bis Juni an sechs Wochenenden abwechselnd in Wien und Salzburg.

Wirst du für deine Arbeit im Klimarat freigestellt? Wer bezahlt An- und Abreise, die Übernachtung und wirst du für deinen Einsatz als Klimarat bezahlt?

Von der Arbeit her muss jeder selber schauen, dass er Zeit hat. Man sollte bei fünf der sechs Treffen dabei sein und in jedem Fall für die Abschlussveranstaltung Zeit haben. Pro Wochenende bekommt man eine Aufwandsentschädigung von 100 Euro. Auch Essen und Hotel sind bezahlt. Für An- und Abreise bekommt man das Geld für das Sparschiene-Ticket der ÖBB zurück und in Wien war beim letzten Mal ein 48-Stunden-Öffi-Ticket dabei.

Wie laufen eure Treffen ab? Sitzt ihr alle 100 rund um einen großen Tisch?

Beim letzten Mal sind wir je fünf an einem Tisch gesessen und haben unsere Ideen diskutiert. Es wird zwischendurch auch durchgetauscht, sodass nicht immer die gleichen fünf Menschen zusammensitzen. An jedem Tisch macht man zuerst ein Brainstorming und im Anschluss werden die Ideen der einzelnen Gruppen gesammelt. Jene Ideen, die am häufigsten vorkommen, werden dann weiter diskutiert. Das funktioniert wie ein Pyramidensystem. Am Ende einigen wir uns auf einen Vorschlag, dieser wird dann als Satz formuliert und es gibt dann noch eine Abschlussrunde, bei der jeder noch einmal mit Handzeichen angeben kann, ob er mit dem Vorschlag zufrieden ist oder nicht.

„Es funktioniert halt nur, wenn alle zusammenhelfen: Wir, die Industrie, die Politik und sowieso auch global“, so Zoier. Foto: Dolomitenstadt/Wagner

Wer bestimmt die Themen, die behandelt werden und welche sind das?

Die großen Themen sind vorgegeben, an jedem Wochenende beschäftigen wir uns mit einem Themenfeld. Es wird um Ernährung und Landwirtschaft, Energie, Produktion, Konsum, Wohnen, Mobilität und soziale Gerechtigkeit gehen. Man kann aber auch jederzeit eigene Themen einbringen oder bei Vorträgen die Hand heben und sagen, wenn man bei etwas anderer Ansicht ist. Es ist auch immer die Frage, wo fängt man bei einem Thema an, wo hört man auf. Alleine, wenn ich das Thema Landwirtschaft und Ernährung nehme: Soll über den Fleischkonsum, die Düngung auf den Feldern, den Import und Export gesprochen werden? Da müssen sich dann die Kernthemen, das was die Leute interessiert, herauskristallisieren.

Wie werdet ihr in die Themen eingeführt, welche Hintergrundinformationen habt ihr, um eure Vorschläge zu erarbeiten?

Wir bekommen vor jedem Treffen ein Infoblatt, beim ersten Mal war es eine Seite Grundlagen, dazu eine Erweiterung mit sieben Seiten und zwei Videos, die auch auf der Webseite des Klimarates abrufbar sind. Letztes Mal gab es außerdem auch zwei Vorträge, ob das beim nächsten Treffen wieder so ist, weiß ich nicht. Ich mache mich auch selbst im Vorhinein schlau. Das Internet eröffnet sehr viele Möglichkeiten, aber natürlich muss man da immer schauen, wo die Informationen herkommen.

War dir der Schutz des Klimas schon vor der Einladung zum Klimarat wichtig und hat sich deine Sichtweise auf die Thematik durch den Klimarat verändert?

Meine Sichtweise hat sich auf jeden Fall verändert. Ich bin 45, als ich zur Hauptschule gegangen bin hatten wir die „Ölkrise“. Oder vielleicht keine Krise, aber da wurde klar, dass das Öl nicht ewig ausreichen würde. Dann kamen noch einige mehr Dinge in diese Richtung: Der Saure Regen und das Waldsterben, das Ozonloch… Damals gab es FridaysForFuture noch nicht, dafür haben wir halt Greenpeace unterstützt. Man stumpft aber mit der Zeit auch ab. Jetzt beschäftige ich mich auf jeden Fall wieder mehr mit dem Thema.

Glaubst du, dass eure Arbeit etwas bewirkt und wenn ja, was?

Schwierige Frage. Auf der einen Seite würde ich sagen, ja. Wir versuchen auch mediale Aufmerksamkeit zu erzeugen. Zuvor war Corona, jetzt die Ukraine, das sind sehr wichtige Themen, aber das Klima ist ein Thema, das nicht nur seit Jahren, sondern schon seit Jahrzehnten am Tablett ist und inzwischen werden die Auswirkungen immer sichtbarer. Zu den Vorschlägen die wir machen werden: Wenn die Regierung Sachen davon umsetzt: sehr gut, und wenn sie uns nur als Ausrede benutzt um unpopuläre Maßnahmen umzusetzen: auch gut. Auf der anderen Seite – wenn sie wirklich wollten, hätten sie längst mehr getan.

Ist die österreichische Regierung an die Entscheidungen oder Empfehlungen des Klimarates gebunden?

Nein, gebunden ist die Regierung nicht, aber die Umweltschutzministerin hat erklärt, dass, wenn sie die Vorschläge nicht umsetzen, sie begründen werden, warum sie es nicht tun. Es ist aber doch so: Wenn viele kleine Menschen an vielen kleinen Orten viele kleine Dinge tun, dann kann das die Welt verändern. Es funktioniert halt nur, wenn alle zusammenhelfen: Wir, die Industrie, die Politik und sowieso auch global.


Zur Person: Franz Zoier ist 45 Jahre alt und lebt in Tristach, wo er auch im Gemeinderat vertreten ist. Der gelernte Elektriker ist beim Abwasserverband Lienzer Talboden tätig. In seiner Freizeit engagiert er sich in mehreren Vereinen in der Gemeinde und sportelt sehr gerne.

Anna Maria Huber studiert in Innsbruck, schreibt nicht nur für dolomitenstadt.at sondern auch für die Straßenzeitung 20er betreut unser Redaktionsbüro in der Landeshauptstadt. Annas Stärken sind penible Recherchen und die Fähigkeit, komplexe Inhalte in klare und verständliche Artikel zu verwandeln.

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wolf_c

wenn schon nicht angesichts des sterbenden Amazonaswald, dann wenigstens dem Krieg geschuldet, geht der Benzinpreis in die richtige Richtung

 
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steuerzahler

So fängt die Manipulation an:

"Zum einen wurde klar kommuniziert, dass nicht in Frage gestellt wird, dass es den Klimawandel gibt und dass dieser vom Menschen gemacht ist."

Daß es immer schon Klimawandel gibt, ist unbestritten, aber der menschengemachte ist durch nichts bewiesen. Das wird nur immer wieder wiederholt, damit alle daran glauben.

Das Kernproblem Überbevölkerung wird nicht angesprochen.

 
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    karli8

    Die Manipulation fängt da an, wo Falschinformationen verbreitet werden. Und das ist bei die Steuerzahler der Fall. Die Geschwindigkeit, mit der sich derzeit das Klima verändert, ist auf die menschlichen Aktivitäten der letzten ca. 150 Jahre zurückzuführen. Das ist eindeutig (und schon lange) bewiesen, durch Messungen und Beobachtungen von Wissenschaftlern. Es wurde bis jetzt nur relativ wenig bzw. gar nichts dagegen unternommen, weil die Effekte der Veränderung für die breite Masse nicht spürbar waren und Maßnahmen dagegen eher unpopulär. Das ändert sich derzeit, daher ist das Thema auch endlich in der Politik entsprechend angekommen.

    Wenn du dich für das Thema interessierst, sammel Informationen, lies Berichte und Arbeiten dazu und reflektiere kritisch deine Aussagen. Ich garantiere dir du wirst nicht zum Schluss kommen das:"...der menschengemachte ist durch nichts bewiesen..." ist.

     
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      steuerzahler

      Da kann man lange darüber diskutieren. Ich habe Fakten analysiert, nicht nur die vom Mainstream, und bin zum Schluss gekommen, daß viele ihr Geld mit dieser Manipulation machen. Die angeblichen Beweise sind nur konstruiert.

       
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      miraculix

      Danke, @karli8, für die eindeutige "Diagnose"!

      Das Tragische an der heutigen Situation: Schon vor gut drei Jahrzehnten, spätestens seit den frühen 90er Jahren, ist der damals noch als "vom Menschen gemachter TREIBHAUSEFFEKT" bezeichnete Klimawandel als Bedrohung der Artenvielfalt und der Menschheit bekannt. Und genau in denselben letzten drei Jahrzehnten ist mehr als die Hälfte des insgesamt von der Menschheit aus fossilen Lagerstätten freigesetzten Kohlenstoffs in die Atmosphäre gelangt. Wir sind also heute mit mindestens 30 Jahren Verspätung unterwegs!

      @Steuerzahler: Wer wie Sie heute den von Menschen gemachten Kimawandel noch immer nicht wahr haben will, ist halt ein Meister des Verdrängens. Man kann sich "seine persönliche Wahrheit" natürlich immer selbst zusammenstricken. Dadurch lassen sich aber physikalische Gesetze nicht beeinflussen, auch in Zukunft nicht!

       
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wolf_c

''Es ist aber doch so: Wenn viele kleine Menschen an vielen kleinen Orten viele kleine Dinge tun, dann kann das die Welt verändern.''

wenn viel kleine Lienzer viele Fahrradln fahrn würden, dann hätt der Putin weniger Geld für den Krieg(und der Trump auch) Und hätten viele kleine Lienzer nicht die Parkplatz- und Autolobby gewählt, dann hätten viele kleine Lienzer die Welt verändert; so wird die Welt aber auch verändert, es gibt halt viele kaputte Kinder dabei.

 
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Alles gute bei der Arbeit

 
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