„Wie Ehrfurcht gebietend ist doch dieser Ort!“

Die St. Nikolauskirche in Matrei hat viel zu erzählen. Noch sind nicht alle ihre Rätsel gelüftet.

„Jakob erwachte aus seinem Schlaf und sagte: Wirklich, der Herr ist an diesem Ort und ich wusste es nicht. Furcht überkam ihn und er sagte: Wie Ehrfurcht gebietend ist doch dieser Ort! Hier ist nichts anderes als das Haus Gottes und das Tor des Himmels. Jakob stand früh am Morgen auf, nahm den Stein, den er unter seinen Kopf gelegt hatte, stellte ihn als Steinmal auf und goss Öl darauf. Dann gab er dem Ort den Namen Bet-El: Gotteshaus.“

Die St. Nikolauskirche in Matrei. Foto: Helmut Niederwieser

Der Hügel in der Matreier Fraktion Ganz, auf dem die St. Nikolauskirche steht, ist auch so ein Ehrfurcht gebietender Ort. Die Erzählung aus dem ersten Buch Mose als Analogie zu einer Art Gründungslegende des im Ursprung spätromanischen Gotteshauses zu lesen, wäre aber verfehlt, stand hier doch schon ein drei- bis vierhundert Jahre älterer Vorgängerbau. Archäologische Funde, darunter ein Urnengrab, belegen sogar eine Nutzung in römischer Zeit. Auch das heutige Erscheinungsbild der St. Nikolauskirche ist den Bauarbeiten mehrerer Jahrhunderte geschuldet, deren Beginn die Kunstgeschichte um das Jahr 1200 datiert. 

Blick auf den zweigeschossigen Chor. Foto: Helmut Niederwieser

Der eingezogene Chor des schlichten und erst im 15. Jahrhundert eingewölbten Saalbaus ist im Inneren zu zwei übereinanderliegenden Kapellen ausgestaltet, deren Gewölbe und Wände einmal ganzflächig bemalt waren. Die Bilder des Untergeschosses gelten als provinzielles Beispiel für den ab der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts vom Mittelrhein bis Friaul sich verbreitenden „Zackenstils“, der die raumhaltigen Elemente byzantinischer Vorbilder in scharf umbrechende Linien verwandelt und insbesondere in Kärnten, in Gurk und in Friesach, eine späte Blüte erlebt. Die Gemälde der Georgskapelle im Oberchor wurden aufgrund stilistischer Übereinstimmungen, etwa mit den Illuminationen eines Messbuches aus dem Stift Admont, einer paduanischen Malschule zugewiesen, deren alpine Zweigstelle man in Salzburg lokalisiert hat.

Die Erschaffung des Menschen. Foto: Helmut Niederwieser

Trotz dieser Unterschiede stammen die Ausstattungen der beiden Kapellen wohl aus annähernd derselben Zeit, dem letzten Drittel des 13. Jahrhunderts, und sie sind auch ikonologisch zusammen zu lesen. Über den Wänden mit kaum noch auszumachenden Begebenheiten aus der Legende des Titelheiligen sind in der Nikolauskapelle zwischen den mit blauen und grünen Wellen bemalten Gewölbegraten, welche die vier Ströme des Paradieses symbolisieren, Szenen aus dem zweiten, von der historisch-kritischen Bibelwissenschaft auch „jahwistisch“ genannten Schöpfungsbericht angeordnet: die Erschaffung der Eva aus Adams Rippe, mit der jedoch die Erschaffung des Menschen als Mann und Frau schlechthin gemeint ist. Dieser Akt zieht seine unausweichlichen Folgen nach sich: den Sündenfall, die Vertreibung aus dem Paradies und die Arbeit, zu der Gottes Verdikt die Stammeltern verpflichtet. Adam bestellt den Ackerboden, während Eva am Spinnrocken sitzt.

Die Vertreibung aus dem Paradies. Foto: Helmut Niederwieser

Doch sind die Menschen eben „nicht nur Bewohner und Bebauer der Erde, sondern von dieser aus gleichsam Beschauer des Himmlischen“ (Cicero, Vom Wesen der Götter). Schließlich schuf Gott sie nach seinem Ebenbild, und aus diesem Gedanken lässt sich auch das Geheimnis der geflügelten Gestalt mit der Machtscheibe und dem dreiblättrigen Szepter, die dem Logos beim Schöpfungsakt assistiert, lüften: Es ist, wie in einer sehr ähnlichen Miniatur der um 1200 verfassten „Millstätter Genesis“, der „Engel des Angesichts“, dessen Name eben diese Gottähnlichkeit als Frage an das Menschengeschlecht weitergibt: „Michael – Wer ist wie Gott?“ 

Der „Engel des Angesichts“ in der „Millstätter Genesis“. Repro: Helmut Niederwieser

Nach dem Sündenfall, mit dem die Stammeltern das irdische Paradies verspielt hatten, war dieses menschliche Privileg allerdings nur noch um einen sehr hohen Preis zu erkaufen: mit dem Erlösertod Jesu. „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ihr werdet den Himmel offen sehen und die Engel Gottes hinauf- und herabfahren über dem Menschensohn.“ Das Johannesevangelium deutet den alttestamentarischen Traum Jakobs von der Himmelsleiter, der in die Bogenleibung der oberen Kapelle gemalt ist, in Verbindung mit dem Kreuz, welches in diesem Einblick zweifellos einmal aufgestellt war, als Aufstiegshilfe zum Himmel und zur „Visio beatifica Dei“, der geistigen Schau Gottes.

Blick in den Oberchor der St. Nikolauskirche. Foto: Helmut Niederwieser

Das Gewölbe der oberen, dem hl. Georg geweihten Kapelle ist umrahmt von der aus Edelsteinen gefügten, zinnenbewehrten Stadtmauer des neuen Jerusalem, über deren Toren sich die Apostel in vier Dreiergruppen organisieren. Auf den vier Türmen stützen geflügelte Wesen aus der in der Offenbarung des Johannes variierten Vision Ezechiels mit dem Antlitz von Löwe, Stier, Adler und Mensch einen Okulus, in dem der endzeitliche Christus erscheint.

„Wie der Körper am Kopf hängt und von diesem gelenkt wird, so ist die Kirche durch das Sakrament des Leibes Christi mit ihm verbunden“, sagt Honorius Augustodunensis in seinem „Elucidarium“, einem um 1100 verfassten theologischen Handbuch, das, in fast alle europäischen Sprachen übersetzt, für die folgenden Jahrhunderte den wenig gebildeten Klerus erleuchtete und auch das Bildprogramm der Georgskapelle erhellt. Danach wären die ursprünglich zwölf, durch spätere Fenstereinbauten jedoch dezimierten ganzfigurigen Propheten, welche die Schildwände bevölkern, die Augen, „da sie die Zukunft vorhersehen“, und die „Gehorsamen“, Märtyrer und heilige Bischöfe, deren Brustbilder im Register darunter aneinandergereiht sind, die Ohren der Kirche.  

Das himmlische Jerusalem. Foto: Helmut Niederwieser

In die Gewölbezwickel sind schließlich die Allegorien der vier Elemente gemalt, als nur an den Füßen bekleidete menschliche Figuren, deren Geschlecht ein Restaurator gleich nach der Freilegung der Wandmalereien 1881 offenbar einzig aufgrund des Fehlens einschlägiger Merkmale bestimmt und vorsichtshalber mit Lendentüchern verhüllt hatte. Sie wurden später wieder entfernt, und hätte man an dieser Stelle einst tatsächlich etwas gesehen – jetzt ist es für immer dahin! Wahrscheinlich aber ist das Vorbild für die vier Elemente in jenen geschlechtslosen Wesen zu suchen, die in hochmittelalterlichen Kosmologien den Menschen mit der Vorstellung eines durchgehenden Zusammenhanges der gesamten Schöpfung verknüpfen.

Allegorie der Luft, flankiert von den Propheten Ezechiel und Isaias. Foto: Helmut Niederwieser

Um die Zahl der Auserwählten zu komplettieren, so steht es im Elucidarium, hat Gott nach den neun Chören der Engel als zehnten den Menschen geschaffen. Neben der geistigen verfügt dieser aber auch über eine körperliche Substanz, die er den vier Elementen verdankt: der Erde das Fleisch, dem Wasser das Blut, der Luft den Atem und dem Feuer die Temperatur, weshalb er auch „Mikrokosmos, das heißt kleine Welt“ genannt wird. „Sein Kopf ist rund, in der Art der himmlischen Sphären, in dem die zwei Augen funkeln wie zwei Lichter des Himmels.“

Kosmos, Leib und Seele“ aus dem Liber divinorum operum Hildegards von Bingen. Repro: Helmut Niederwieser

Die Raumgestalt der Georgskapelle fußt nicht nur auf einem quadratischen Grundriss, auch ihre Höhe entspricht den etwas über vier Meter messenden Seiten und das Ganze somit einem Würfel, in den sich eine von den Gewölbegraten umrissene Kugel einschreiben lässt. Die komplexe Ikonologie des Oberchores stellt dem ein Stockwerk tiefer geschilderten Anfang der Bibel nicht nur deren Ende und dem irdischen Paradies das himmlische gegenüber. Sie ist ein Sinnbild der Kirche, die sich als mystischer Leib Christi versteht, und die Kugelgestalt ein Abbild des Kosmos, dessen Mittel- und Höhepunkt die während der Messfeier vom Zelebranten hochgehobene Hostie einnimmt.

Der enge Zusammenhang, ja die wechselseitige Abhängigkeit zwischen der Architektur und deren Bemalung legen einen stringenten Plan für die Gestaltung des Oberchors nahe, der die Annahme eines zeitlichen Abstands von rund 60 bis 70 Jahren zwischen Bau und Malerei kaum plausibel macht. Das Alter dieses Bauabschnitts zugunsten seiner Verständlichkeit zu verringern, wird das Motiv künftiger Forschungen sein.

Rudolf Ingruber ist Kunsthistoriker und Leiter der Lienzer Kunstwerkstatt. Für dolomitenstadt.at verfasst er pointierte „Randnotizen“, präsentiert „Meisterwerke“, porträtiert zeitgenössische Kunstschaffende und kuratiert unsere Online-Kunstsammlung.

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2 Postings

Nikolaus F. Pedarnig

Gegen Rudi Ingrubers fulminanten Detailwissen verschwinden Wikipedia und Google im Nebel der Belanglosigkeit.

 
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Kiew

Du solltest Deine spannenden Kunstführer in Buchfom herausgeben! St. Nikolaus, z. T. ein Verbindung mit St. Alban in Matrei und Obermauern, ist immer einen Besuch wert. Da sieht man, welch Schätze wir in der Heimat haben!

 
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