Jede(r) vierte unselbständig Beschäftigte in Osttirol arbeitet in einem Industriebetrieb. Foto: Expa/Groder

Jede(r) vierte unselbständig Beschäftigte in Osttirol arbeitet in einem Industriebetrieb. Foto: Expa/Groder

Wie meistert Osttirols Industrie die Energiekrise?

Die großen Unternehmen des Bezirkes sind gewappnet, fürchten aber um ihre Lieferketten.

Derzeit fließt kein Gas aus Russland nach Europa, die Pipeline Nordstream 1 wird gewartet. Ob Kriegsherr Wladimir Putin den Gashahn je wieder aufdreht, ist Anlass für wilde Spekulationen. Aktuell sieht es eher nicht danach aus. Täglich werden deshalb neue Strategien zur Bewältigung der Krise diskutiert, Allianzen werden geschmiedet, Szenarien durchgespielt, Notfallpläne erarbeitet. Ökonomen warnen vor einem „Kriegswinter“ und plötzlich weiß auch der kleine Mann, dass es in Österreich große Gasspeicher gibt, über deren Füllstände allerdings gerätselt wird. 

Eine Frage rückt immer mehr ins Zentrum der Diskussion: Wenn Erdgas kontingentiert werden muss, hat dann die Belieferung der Privathaushalte oberste Priorität, oder doch die Versorgung der Industrie? Am Erdgas hängen in Österreich hunderttausende Arbeitsplätze. Im Bezirk Lienz arbeitet mittlerweile jede(r) vierte unselbständig Beschäftigte bei einem der großen Industriebetriebe. 

Deshalb hat die Redaktion von dolomitenstadt.at in den Chefetagen der größten Unternehmen nachgefragt, mit welchen Energieformen die Produktionsmaschinen vor Ort betrieben werden und ob ein russisches Embargo auch Auswirkungen auf den Standort Osttirol hätte. Soviel vorweg: Erdgas ist im Bezirk Lienz kein Thema, die Gaspipeline endet in Spittal an der Drau. Das ist aus aktueller Sicht ein Vorteil. 

„Wir verfolgen die Entwicklungen der Erdgasversorgung genau“, erklärt Liebherr-Geschäftsführer Holger König. Der Industriebetrieb deckt seinen Energiebedarf mit Strom und Flüssiggas. Foto: Brunner Images

Womit deckt also die Industrie vor Ort ihren Energiebedarf? Die Liebherr-Hausgeräte Lienz GmbH, größter Arbeitgeber im Bezirk, verwendet dazu hauptsächlich Strom und Flüssiggas. „Wir verfolgen die Entwicklungen hinsichtlich der Erdgasversorgung dennoch genau, da viele Prozesse unserer Lieferanten von diesem Energieträger abhängig sind, z.B. in der Glasherstellung“, sagt Liebherr-Geschäftsführer Holger König. 

Ganz ähnlich lautet die Rückmeldung von Loacker-Boss Frank Jürgen Hess. Der Waffelhersteller deckt 80 Prozent seines Energiebedarfs mit Flüssiggas. Im Gegensatz zu Erdgas fällt das flüssige Propangas bei der Raffinierung von Erdöl an und ist daher – noch – ausreichend verfügbar. Erst kürzlich betonte TAL-Topmanager Alessio Lilli, dass selbst russische Blockaden kasachischer Rohöl-Lieferungen zu keinem Engpass bei der Anlieferung in den Pipelinehafen Triest führen würden. Im Gegenteil. Man könnte gegebenenfalls sogar mehr Erdöl durch die TAL-Rohre zu den Raffinerien in Österreich und Deutschland pumpen, womit auch die Propangas-Versorgung einstweilen sicher scheint.

Für Loacker ist das enorm wichtig. „Ohne Propangas müssten wir schließen“, stellt Frank Hess klar. Er beobachtet mit einigem Argwohn Bestrebungen, ganze Industriezweige von Erdgas auf Propangas umzurüsten: „Wenn der Großteil der Betriebe auf Propangas wechselt, wird es zu Engpässen kommen. Die Auswirkungen sind schwer einzuschätzen, sollte man dieses funktionierende System aus der Balance reißen.“ Doch noch ist es nicht soweit. Pro Woche liefern zwei Sattelzüge das Gas in Heinfels an, es wird in einem 50 Tonnen-Tank gelagert.  

„Ohne Propangas müssten wir schließen“, stellt Loacker-Geschäftsführer Frank Hess (rechts) klar. Foto: Brunner Images

Auch Liebherr lagert Propangas ein. „Da der laufende Produktionsbetrieb von der sicheren Energieversorgung abhängt, stellen wir sicher, dass der notwendige Puffer an Gas eingelagert ist,“ erklärt Holger König. Die Bereiche Pulverbeschichtung, Nasslack sowie die Verpackung sind beim Großbetrieb im Lienzer Becken besonders energieintensiv. 

Im Winter ist das Thema Heizen nicht nur für die Arbeitsplatzqualität bei Liebherr spannend. König: „Wärme ist ein wichtiger unterstützender Faktor im Produktionsprozess. Bestimmte Komponenten benötigen eine entsprechende Umgebungstemperatur und können im kalten Zustand nicht qualitätssichernd verbaut werden.“  Liebherr arbeitet seit Jahren an der Reduzierung des Energieverbrauchs. Durch Wärmerückgewinnung bei Kompressoren werden Teile der Verwaltungsgebäude beheizt. Mehrere Photovoltaikanlagen befinden sich laut König aktuell „in der Projektierungsphase“.

Bereits seit Jahrzehnten auf umweltfreundliche heimische Energie setzt HELLA in Abfaltersbach. „In der Unternehmenszentrale und damit am größten Produktionsstandort der Gruppe produzieren wir durch ein eigenes Wasserkraftwerk und die Beteiligung an einem Biomasse-Heizwerk mehr Energie als verbraucht wird“, erklärt Firmenchef Andreas Kraler stolz. „Zudem wurden unsere Gebäude energieeffizient gebaut und benötigen somit weniger Heizung und keine Kühlung. Auch die Energierückgewinnung aus den Maschinen stellt eine wertvolle Ressource dar.“ 

Lediglich in der Pulverbeschichtung sei man in Abfaltersbach aktuell noch von Öl abhängig, an Alternativen werde aber bereits gearbeitet. HELLA hat dennoch Stress mit der Erdgas-Knappheit. Zur Gruppe gehören nämlich auch drei Produktionsstätten in Deutschland, die Erdgas als Energiequelle benötigen. 

Diese beiden haben trotz Energiekrise gut lachen. HELLA-Chef Andreas Kraler (links) führt ein Unternehmen, das in Osttirol mehr Strom erzeugt als es verbraucht. Und iDM-Technikchef Christoph Bacher kann ebenfalls auf eine Energieversorgung ohne fossile Brennstoffe zählen. Foto: Brunner Images

Ein Unternehmen, das selbst zur Lösung der Energiekrise beiträgt, ist iDM in Matrei, wo Wärmepumpen für den Weltmarkt produziert werden. Wenig überraschend bemüht sich das rasch wachsende Unternehmen auch beim Eigenverbrauch um größtmögliche Energieeffizienz. Entsprechend gelassen reagiert iDM-Technikchef Christoph Bacher auf die aktuelle Erdgas-Krise: „Wir nutzen ausschließlich Strom als Energieträger für die Produktion aber auch zur Beheizung unserer Gebäude mit Wärmepumpen. Die Wärmepumpenheizung ist besonders effizient, da für die erbrachte thermische Heizleistung im Schnitt nur ein Viertel elektrische Energie eingesetzt werden muss. Wir haben schon seit Jahren keine fossilen Energieträger mehr im Einsatz.“  

Neben der Wärmepumpe setzt der Iseltaler Paradebetrieb auch auf die Sonne. Bacher: „Ein großer Anteil unseres verbrauchten Stroms erzeugen wir mit unser 600 kWp großen PV-Anlage selbst am Standort. Mit den neuen Investitionsprojekten erweiterten wir unsere PV Eigenproduktionsleistung auf über 1,2 MWp.“ Ganz abkoppeln kann man sich aber auch in Matrei nicht von der Krise. „Zum einen steigen die Strompreise durch das Embargo, zum anderen sind Zulieferer auf Gas und Öl angewiesen. Damit werden Lieferketten weiterhin destabilisiert,“ warnt der iDM-Manager, merkt aber auch an:  „Wir sind so aufgestellt, dass unsere Lieferanten international verteilt sind und nicht jedes Land gleich von möglichen Energieknappheiten betroffen ist.“

Resümierend kann man sagen, dass Osttirols Industriebetriebe auf eine Zeit der Energieknappheit im Grunde recht gut vorbereitet sind. Archillesferse ist die internationale Vernetzung. Zur Fertigung von Sonnenschutz, Gefriergeräten und Wärmepumpen werden Komponenten aus vielen Ländern angeliefert, manche davon – etwa Glas und Stahlbleche – werden mit Erdgas als Energiequelle hergestellt. Dass jede Art von Energie dramatisch teurer wird und darunter auch die Ertragssituation der durchwegs stark exportorientierten Osttiroler Industriebetriebe leidet, ist ein weiterer Stressfaktor der zeigt, dass eine globale Wirtschaftskrise, ausgelöst durch das russische Embargo, in jedem Fall Auswirkungen auf den Standort Osttirol hat. Loacker-Geschäftsführer Frank Hess bringt es auf den Punkt: „Das Heft haben wir nicht wirklich in der Hand.“

Gerhard Pirkner ist Herausgeber und Chefredakteur von „Dolomitenstadt“. Der promovierte Politologe und Kommunikationswissenschafter arbeitete Jahrzehnte als Kommunikationsberater in Salzburg, Wien und München, bevor er mit seiner Familie im Jahr 2000 nach Lienz zurückkehrte und dort 2010 „Dolomitenstadt“ ins Leben rief.
Dolomitenstadt-Redakteur Roman Wagner studierte an der FH Joanneum in Graz und ist ein Reporter mit Leib und Seele. 2022 wurde Roman vom Fachmagazin Österreichs Journalist:in unter die Besten „30 unter 30“ gewählt.

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