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Olympia Cortina/Milano: Wohin fließen die Milliarden?

Italienische NGOs fordern mehr Transparenz und kritisieren lokale Auswirkungen der Winterspiele.

„Wir haben das Recht zu erfahren, wie sich die Gebiete, in denen die Spiele stattfinden werden, verändern. Wir möchten uns vergewissern, dass mit den Ressourcen verantwortungsvoll umgegangen wird. Und wir möchten die Auswirkungen auf unser Leben und die Umwelt richtig einschätzen können.“

Mit dieser Begründung stellten 20 zivilgesellschaftliche Organisationen – darunter CIPRA Italien und CIPRA Südtirol – im Mai 2024 das zivilgesellschaftliche Monitoring „Open Olympics 2026“ vor, im Prinzip ein Forum, in dem laufend Erkenntnisse zum sportlichen Mega-Projekt aus verschiedensten Quellen zusammengetragen und öffentlich gemacht werden.

Eine zum Teil forensisch anmutende Aufgabe. Bisher gibt es laut Plattform kein einheitliches, offizielles Kostenverzeichnis zu den geplanten Bauvorhaben. Bei vielen davon ist nicht klar, wer verantwortlich ist, wann sie fertiggestellt und welchen Nutzen sie in Zukunft haben werden – obwohl es sich um riesige Summen und massive Eingriffe in die Landschaft handelt.

Obwohl, oder gerade weil den NGOs bewusst ist, dass die Olympia-Maschinerie auf Hochtouren läuft und längst nicht mehr zu stoppen ist, fordern die Bürger- und Umweltbewegungen zumindest Transparenz über das, was vor ihren Augen und in ihrem unmittelbaren Lebensraum geschieht.

Die bisherigen Recherchen sind eher beunruhigend. Hier der erste Befund von „Open Olympics 2026“: Die gigantische Summe von 5,72 Milliarden Euro wird für 79 Vorhaben im Rahmen der Olympischen Spiele ausgegeben. Weniger als ein Viertel – nämlich 1,6 Milliarden Euro – sind für die Durchführung der Spiele budgetiert, dagegen 4,12 Milliarden für mehr oder weniger direkt mit dem Event verbundene Baumaßnahmen. Mehr als zwei Drittel der Kosten entfallen auf 45 Straßenbauprojekte. Etwa die Hälfte der Projekte sind in der Lombardei geplant, 14 in Südtirol und 13 in Venetien.

Auf der Piste „Stelvio“ in Bormio wird 2026 das olympische Abfahrtsrennen der Herren stattfinden. Die Damen starten auf der Tofana in Cortina. Foto: Expa/Groder

Neben Bormio, wo derzeit der Weltcupzirkus gastiert und sich aktuell der französische Skistar Cyprien Sarrazin beim Training schwerst verletzte, sind Antholz und vor allem Cortina im Februar 2026 Austragungsorte eines Großereignisses, dessen Nähe zu Osttirol auch hierzulande spürbare Auswirkungen haben wird. Ob negativ oder positiv ist dabei wohl eine Frage der Perspektive.

Von den 14 Projekten, die von den NGOs auf der offiziellen Agenda Südtirol zuordnen konnten, hat nur eines einen sportlichen Hintergrund, elf sind Straßenbauprojekte. Über einige haben wir bereits berichtet. Eine ganze Kette von Baustellen sind entlang der Pustertalstraße geplant oder bereits etabliert, darunter ein doppelstöckiger Kreisverkehr an der Straße nach Antholz.

In der Region um Cortina werden ebenfalls hunderte Millionen Euro für neue Straßen ausgegeben, neben einer höchst umstrittenen Investition in einen neuen Eiskanal, der nach aktuellen Schätzungen 81,6 Millionen Euro kosten wird. Nicht nur Gemeinderätin Roberta de Zanna sieht die Prioritäten in Cortina völlig falsch gesetzt: „Seit 2012 ist das Schwimmbad geschlossen, Schulen und der öffentliche Nahverkehr werden vernachlässigt, Wohnungen für Einheimische fehlen.“

Hier entsteht der umstrittene neue Eiskanal von Cortina. Er kostet rund 81 Millionen Euro. Foto: Expa/Groder

Damit lautet ein erstes – nicht ganz unerwartetes – Fazit aus der Sicht des Bezirkes Lienz: Olympia wird kommen und gehen, doch massiv ausgebaute Straßenverbindungen und damit auch ein steigendes Verkehrsaufkommen werden bleiben. Noch gar nicht eingewertet ist in dieser Rechnung die massive Naturzerstörung durch den exzessiven Sportstätten- und Infrastrukturbau. Davon betroffen ist auch das ehemals ruhige Antholzertal unter dem Staller Sattel, wo seit Monaten massiv die Bagger auffahren und nicht nur der zu erwartende Besucherstrom, sondern auch der Klimawandel durch Millionen-Investments gebändigt werden soll. Allein sechs Millionen Euro fließen in den Ausbau der Beschneiungsanlagen für die Loipen.

Vor diesem Hintergrund fordern die NGOs von den zuständigen Regierungen in Rom und den Provinzen ein „einheitliches Transparenzportal für die Winterspiele Mailand-Cortina 2026, das es uns ermöglicht, die Schritte und den Ablauf der Arbeiten sowie die mit der Organisation und der Werbung für die Spiele verbundenen Ausgaben zu verstehen, und zwar Werk für Werk und in offenen Datenformaten. Außerdem sollen die Daten je nach Art der Arbeiten und den Gebieten, in denen sie durchgeführt werden, dargestellt werden.“

Weil das vermutlich ein frommer Wunsch bleibt, arbeitet man weiter am zivilgesellschaftlichen Monitoring. „Unser Ziel ist es nicht, eine allgemeine Anklage zu erheben, sondern den Schutz des Gemeinwohls zu gewährleisten“, wird betont. „Wir wollen sicherstellen, dass die Milliarden nicht undurchsichtig verteilt werden, dass kriminelle, mafiöse oder korrupte Machenschaften verhindert werden und dass unnötige Ausgaben vermieden werden.“

Die Aktivisten aus unterschiedlichsten Lagern erinnern daran, dass Transparenz, Integrität und Fairness ausdrücklich in der „Olympischen Agenda 2020+5“ postuliert werden. Wie weit man von diesem Anspruch entfernt ist, zeigt eine aktuelle Entwicklung: Die italienische Justiz hat eine Korruptionsuntersuchung gegen die Stiftung Mailand Cortina 2026 eingeleitet.

Gerhard Pirkner ist Herausgeber und Chefredakteur von „Dolomitenstadt“. Der promovierte Politologe arbeitete als Kommunikationsberater in Salzburg, Wien und München, bevor er nach Lienz zurückkehrte und 2010 „Dolomitenstadt“ ins Leben rief. 2025 erhielt Pirkner für seine journalistische Arbeit den Walther-Rode-Preis.

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Ein Posting

Her Anonym
vor einem Jahr

Wenn man dort im sommer durchfährt wenn man ans meer will ( Info für die Plöckenpassjammerrer) sieht da ws cortina sehr gut geht . Alles andere dort in der Nähe verfällt natürlich. Dort sieht es in jeder nachfolgenden Gemeinde aus wie in Greifenburg. Tot , Leer und hässlich.

 
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