Wenn ein Minister in einer Demokratie behauptet, er sei Demokrat, so nennt man das eine Tautologie. Foto: Expa/Schrötter

Wenn ein Minister in einer Demokratie behauptet, er sei Demokrat, so nennt man das eine Tautologie. Foto: Expa/Schrötter

Ist Blümel ein zu Kurz geratener Intellektueller?

Der Mann hat Philosophie studiert und sich schon früh in unwiderlegbaren Sätzen geübt.

Vor zwei Wochen wurde auf Dolomitenstadt das Ende der Pandemie ausgerufen. Aus dem Forum drangen versöhnliche Töne, man wünschte allen Verstorbenen rasche Genesung und schickte das medizinische Personal in den Urlaub. Man hat Frieden mit dem Virus geschlossen. Für die mediale Berichterstattung hätte das Auslaufen der Staatsform der vergangenen 14 Monate allerdings einen fatalen Nebeneffekt haben können: Der Beginn des Sommerlochs wäre auf den 1. Mai vorverlegt worden. Hätte sich nicht mit der Rückkehr zur Demokratie auch deren Regierung entsprechend in Szene gesetzt.

„Ich bin ein überzeugter Demokrat und Patriot, ich bin auf die österreichische Bundesverfassung angelobt und bin ihr und den Institutionen zutiefst verpflichtet.“ Das sagte Gernot Blümel im ZiB 2 Interview mit Armin Wolf letzten Montag. Wenn ein Minister eines demokratisch verfassten Staates von sich behauptet, er sei Demokrat, so nennt man das eine Tautologie. Eine Tautologie lässt sich nicht widerlegen. Der Sinn des Lebens ist der Sinn des Lebens. Tautologien sind sinnlos, aber nicht unsinnig, sagt Wittgenstein. Blümels Aussage aber macht nur unter zwei Bedingungen Sinn: Entweder ist Österreich keine Demokratie, oder er ist die längste Zeit Minister gewesen.

Gernot Blümel hat Philosophie studiert und sich schon sehr früh in unwiderlegbaren Sätzen geübt. In seiner Diplomarbeit schreibt er von „einer Zeit, in welcher die sozialen Probleme ein noch nie dagewesenes gesamtgesellschaftliches Problem dargestellt haben.“ Christlich motivierte Menschen hätten ein „einzigartiges Konzept“ dazu geschaffen. An das Parteiprogramm der Türkisen zu denken wäre aber verfehlt, da dieses Konzept „trotz seiner theoretischen Tiefe schwer in populistischer Form zu gebrauchen ist.“ Es geht vielmehr um die christliche Soziallehre, die im 19. Jahrhundert als Antwort auf Marxismus und Liberalismus gedacht war. „Radikale Antworten auf diese Probleme waren zweifellos leichter zu formulieren als nachhaltige.“ 

Die These erinnert ein wenig an Josef Haders Interpretation des Duells zwischen Old Shatterhand und Tangua, dem Kiowa-Häuptling. Die radikale Lösung wäre ein Kopfschuss gewesen. Old Shatterhand aber schießt seinem Widersacher durch beide Knie, so dass dieser fortan zwar gelähmt ist, doch für den Rest seines Lebens Gelegenheit hat, seine Schandtaten zu bereuen. Das ist nachhaltig und christlich-sozial. „Wissen Sie, was Sie für mich sind?“ fragte Lee Marvin in Stanley Kramers Filmklassiker „Das Narrenschiff“ den kleinwüchsigen Michael Dunn, nachdem dieser versucht hatte, ihm die Welt zu erklären: „Sie sind ein zu kurz geratener Intellektueller!“

Dasselbe könnte man auch von Gernot Blümel behaupten. Nur, dass man in seinem Fall kurz wahlweise auch groß schreiben kann. Gernot Blümel, der Mann mit dem Goldfischgedächtnis und den Rechenkünsten von Pippi Langstrumpf, schoss sich bei diesem Manöver selber ins Knie. Auch er wird bald ausreichend Gelegenheit zum Bereuen bekommen.


Rudolf Ingruber ist Kunsthistoriker, Leiter der Lienzer Kunstwerkstatt und Autor. Für uns kritzelt er Notizen einfach an den Rand der Ereignisse, also dorthin, wo die offizielle Berichterstattung ein Ende hat. Wir präsentieren in unregelmäßigen Abständen „Rudis Randnotiz“.

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9 Postings bisher
nikolaus

Zu Kurz gekommen ... zu lang geblieben ... zu spät gegangen

    Anthony Soprano

    Er ist zu Kurz gekommen! Bedeutet, dass er zu seinem Freund Sebastian gekommen ist! Da kann ich dem Nikolaus ja noch folgen, wobei ich eigentlich immer eher vor dem Krampus davonlaufe, aber was solls. ... zu lang geblieben und ... zu spät gegangen! Ist das nicht dasselbe? Jemand der spät geht, ist ja immer zu lange geblieben und schon wieder haben wir da die Tautologie (oder sowas in diese Richtung)! Herr Ingruber sie sind nicht nur ein begnadeter Schreiberling, NEIN, sie sind ein Prophet!

      nikolaus

      Stimmt, das Ergebnis läuft aufs selbe hinaus! Der Unterschied: "zu lang" bezieht sich auf eine ZeitSPANNE (z.B. zu lang geschlafen) und "zu spät" auf einen ZeitPUNKT (z.B. zu spät aufgestanden). Außerdem ist der Gegensatz von "kurz" "lang", von "kommen" "gehen" 😅 Anders wäre es nur dann sinnvoll, wenn der Herr Minister das Cafe Lang besucht hätte. Da könnte man texten:

      "Zur Kurz gekommen - zu Lang gegangen"

      Einfach nur aus Spaß an der "Wortklauberei" (Man hat ja sonst nichts zu tun)! 😉

bergfex

Tolle Abendlektüre die einem ein Schmunzeln abringt.

aenda

Noch ein Zitat aus “Das Narrenschiff“: Oskar Werner: “... ich wollte ein Mann werden“, er deutet auf den Schmiss auf seiner Wange (natürlich vom Maskenbildner). Simone Signoret: “Beeindruckend!“ Oskar Werner: “Idiotisch! Gezeichnet fürs Leben, wie Vieh.“

Chronos

Durchaus lesenswerte Randnotiz! Wie immer in witziger, leichter Leseart.

"Tautologien"

"Ich bin ein überzeugter Demokrat und Patriot, ich bin auf die österreichische Bundesverfassung angelobt und bin ihr und den Institutionen zutiefst verpflichtet.“... "Blümels Aussage aber macht nur unter zwei Bedingungen Sinn: Entweder ist Österreich keine Demokratie, oder er ist die längste Zeit Minister gewesen."

Habe mich auch gefragt, was Blümel mit seinem Statement bei ZiB2 (Satz oben) aussagen will? Nun weiß ich es!

spitzeFeder

... der Mann mit dem Goldfischgedächtnis und den Rechenkünsten von Pippi Langstrumpf ...

Köstlich! Wie so viele Ihrer Randnotizen - eine absolute Bereicherung von dolomitenstadt.at, Gratulation!

    Omo

    Solsche "Rotzlöffel" hat es in der Regierung noch nie gegeben!

      Photon 07

      Solange ihre Vergesslichkeit (buberlpartie) uns nicht in die Vergangenheit (ritter - ohne pferd) führt, kann ich den Abschied (geilomobilclique) verkraften. Zu kurz geraten (cm), etwas mehr Empathie😂 bitte. RUDI immer Literatur vom feinsten.