Kunstaktion: „Aus jedem Fenster in jedem Haus“

Künstlerin Esther Strauß und das Landesmuseum sammeln Objekte aus der Zeit des Nationalsozialismus in Tirol.

Mitte Mai eröffneten die Tiroler Landesmuseen im Innsbrucker Tirol Panorama eine bemerkenswerte Ausstellung zum Mitmachen. Mit künstlerischen Beiträgen von Petra Gerschner, Franz Kapfer, Esther Strauß und Maria Walcher sowie interaktiven Stationen hinterfragt die Intervention „Denkmal weiter“ den Umgang mit Geschichte und Erinnerung am Bergisel. Die Kunstwerke treten dabei mit dem geschichtsträchtigen Ort in Dialog, indem sie sich mit Themen wie Heldentum, Widerstand, persönlicher Erinnerung und kollektivem Gedächtnis auseinandersetzen. Interaktive Stationen laden Jugendliche und Erwachsene dazu ein, die Schau um eigene Ideen zu erweitern. 

Petra Gerschner etwa rückt mit zwei Arbeiten Protest und Widerstand ins Blickfeld, die Installation „Für Gott, Kaiser und Vaterland“ von Franz Kapfer wiederum eröffnet einen kritischen Blick auf das Denkmal Andreas Hofers und stellt identitätsstiftende Symbole und Rituale in Frage. Maria Walchers Skulptur „Knoten“ im Museum sowie ihre Installation „Jacques“ im Außenbereich reflektieren die sensiblen Themen Erinnern und Vergessen.

Künstlerin Esther Strauss: „Auch 77 Jahre nach Ende des 2. Weltkriegs ist der Nationalsozialismus noch nicht vollständig aufgearbeitet.“ Foto: Esther Strauss

Esther Strauß – Paul Flora-Preisträgerin und auch in der Online-Galerie von dolomitenstadt.at vertreten – fordert mit ihrer mehrteiligen Kunstaktion „aus jedem Fenster in jedem Haus“ zur Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit auf. Mit dieser Intervention starten die Tiroler Landesmuseen den ersten öffentlichen Sammlungsaufruf zu Objekten aus der Zeit des Nationalsozialismus in Tirol. 

Als Teil der Installation von Esther Strauss steht ein leerer weißer Sockel auf dem Platz zwischen Tirol Panorama und Kaiserjägermuseum. Wer noch Objekte aus der NS-Zeit besitzt, kann sie dort einwerfen. Die Objekte werden, nach eingehender Prüfung durch die Expert:innen des Museums, in die Historische Sammlung aufgenommen. In den Sockel passen allerdings nur kleinere Gegenstände wie Bücher, Briefe oder Fotografien. Größere oder zerbrechliche Objekte wie Kleidungsstücke oder Geschirr können an der Museumskassa im Tirol Panorama mit Kaiserjägermuseum abgegeben werden. 

Ein Liegestuhl mit Hakenkreuz – er wurde in Gries am Brenner im Sperrmüll gefunden und der Historischen Sammlung als Schenkung übergeben. Foto: TLM/Maria Kirchner

Was wird gesammelt? Das können Alltagsgegenstände wie Bücher, Geschirr oder Kleidungsstücke sein, aber auch persönliche Gegenstände wie Fotografien, Abzeichen, Dokumente oder Tagebücher. Auch militärische Objekte wie Uniformen, Helme, Orden oder Feldpostbriefe sind wichtige Forschungsobjekte für die Historische Sammlung. Waffen sind ausdrücklich ausgenommen. 

Warum wird das gesammelt? Esther Strauss erklärt: „Auch 77 Jahre nach Ende des 2. Weltkriegs ist der Nationalsozialismus noch nicht vollständig aufgearbeitet. Objekte, die aus dieser Zeit stammen, sind eine wichtige Grundlage für historische Forschung. Sie ermöglichen Ausstellungen und Publikationen, die es uns auch nach dem Tod der Zeitzeug:innen erlauben, uns ein Bild von Tirol zur Zeit des Nationalsozialismus zu machen. Gehen diese Objekte verloren, verlieren wir auch die Möglichkeit, diesen Teil unserer Geschichte aufzuarbeiten und Verantwortung für ihn zu übernehmen. Schenkungen aus der Bevölkerung leisten einen sehr wichtigen Beitrag.“ 

Auch Postkarten und Fotografien werden vom Landesmuseum gesammelt und zeithistorisch ausgewertet. Foto: TLM/Maria Kirchner

Wer aus Osttirol einen Beitrag zu dieser Sammlung leisten möchte, kann auch Gegenstände per Post nach Innsbruck schicken und zwar an folgende Adresse:

Tirol Panorama mit Kaiserjägermuseum
Stichwort: Wir sammeln, z. H. Dr. Sonia Buchroithner
Bergisel 1-2, 6020 Innsbruck

Kunstaktion und Ausstellung laufen bis zum 3. Oktober 2022. Weitere Infos und FAQs.

Gerhard Pirkner ist Herausgeber und Chefredakteur von „Dolomitenstadt“. Der promovierte Politologe und Kommunikationswissenschafter arbeitete Jahrzehnte als Kommunikationsberater in Salzburg, Wien und München, bevor er mit seiner Familie im Jahr 2000 nach Lienz zurückkehrte und dort 2010 „Dolomitenstadt“ ins Leben rief.

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