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Alpenvereins-Urgestein Herbert Jungwirth argumentiert mit viel Fachwissen und Herz gegen Windräder im Hochgebirge. Foto: Dolomitenstadt/Pirkner

Alpenvereins-Urgestein Herbert Jungwirth argumentiert mit viel Fachwissen und Herz gegen Windräder im Hochgebirge. Foto: Dolomitenstadt/Pirkner

Windkraft in Assling: „Da wird an der Demokratie genagt“

Spannend, informativ und fair verlief ein Infoabend mit Herbert Jungwirth im Bärenstadl.

Betont sachlich ging am 12. April im Asslinger Bärenstadl eine Informationsveranstaltung der Bürgerinitiative gegen Windkraft über die Bühne. Im Bereich der Asslinger Hochalm Compedal sollen auf einer Seehöhe zwischen 2.100 bis 2.300 Metern sieben gigantische Windräder platziert werden. Die Initiative will – unterstützt vom Alpenverein und mehreren Umweltorganisationen – die Errichtung dieser Anlage verhindern.

Wie berichtet argumentieren die Betreiber des Vorhabens mit einer erwartbaren Verdopplung des Strombedarfs, einem Beitrag zur Erreichung der Klimaziele und einer sinnvollen Ergänzung zur vorhandenen Ökostrom-Produktion in Assling, die mit Wasserkraft und Photovoltaik vorwiegend im Sommer hoch sei, während Windkraft zu zwei Dritteln im Winterhalbjahr verfügbar sei.

Maria Annewandter von der Bürgerinitiative Assling begrüßte gemeinsam mit Robert Lukasser-Weitlaner rund 350 Interessierte im Bärenstadl. Foto: Dolomitenstadt/Pirkner

Für den emotionalsten Akzent sorgte gleich zum Einstieg in den Abend Maria Annewandter von der Bürgerinitiative, die sich gegen das Projekt stemmt. Sichtlich berührt begrüßte sie gemeinsam mit Robert Lukasser-Weitlaner rund 350 Besucher:innen im Saal und schilderte den Moment, an dem sie und ihre Mitstreiter erstmals von den Ausmaßen des geplanten Projekts erfuhren: „Es hat uns die Beine weggezogen.“

Tatsächlich sind die Eckdaten der geplanten Anlage spektakulär. Jedes Windrad ist 180 Meter hoch. Zum Vergleich: Die Lienzer Pfarrkirche St. Andrä hat eine Höhe von 78 Metern, selbst sie würde neben diesen Giganten winzig wirken. Zehn Hektar groß wäre die rotierende Fläche der sieben Windräder.

„Es hat uns die Beine weggezogen.“

Maria Annewandter, Bürgerinitiative Assling

Die scheinbar gemächlich schwingenden Rotoren erreichen an den Spitzen der Rotorblätter eine Geschwindigkeit von rund 300 km/h, sie sind laut und haben massive Auswirkungen auf die Ökologie in ihrem Umfeld. Zum einen sterben Vögel und Fledermäuse, zum anderen bleibt durch die Bauwerke und deren aufwändige Errichtung kein Stein auf dem anderen. Eine breite Straße würde ins Hochgebirge führen und tausende Lkw-Fahrten wären nötig, um massive Betonfundamente und die Anlage selbst auf einer ökologisch sensiblen Hochalm zu errichten.

All das schilderte an diesem Abend ein Mann, der sich der Verhinderung dieser Windriesen zumindest in den Alpen verschrieben hat. Auf mehr als 60 ähnlichen Veranstaltungen hat Alpenvereins-Urgestein Herbert Jungwirth schon sein umfassendes Wissen ausgebreitet, ehrenamtlich, wie er unter Applaus betonte. Der Oberösterreicher weiß, wovon er spricht, er hat Dutzende Windparks wachsen sehen und kennt die Muster, nach denen die Betreiber in der Kommunikation und der Umsetzung vorgehen. Penibel listete der Versicherungsfachmann im Bärenstadel Zahlen und Fakten auf.

Dreh- und Angelpunkt seiner Argumentation ist die Gegenüberstellung von Kosten und Nutzen solcher Anlagen, nicht im Sinn von wirtschaftlichem Ertrag, sondern von Lebens- und Naturraumqualität, die im Namen der „Energiewende“ unwiederbringlich zerstört würden. „Man hat es geschafft, den Umweltschutz und den Naturschutz zu spalten“, betonte Jungwirth, der überzeugt ist: „Technik wird die Energiekrise nicht lösen.“ Dazu sei der Anteil an erneuerbarer Energie am Gesamtverbrauch schlichtweg zu gering. Nur die konsequente Einsparung von Energie sieht der Referent als Ausweg und nimmt dabei jeden Einzelnen in die Pflicht.

„Technik wird die Energiekrise nicht lösen.“

Herbert Jungwirth

Noch spannender als die ökologischen und energietechnischen Argumentationslinien, die man aus vielen Diskussionen und auch aus dem Dolomitenstadt-Forum kennt, waren Jungwirths Einblicke in die Vorgangsweise bei der Errichtung solcher Großanlagen. Im Saal saßen auch Vertreter:innen von Kärntner Initiativen, die Jungwirths Schilderungen bestätigten. Sie alle warnen vor der ersten Anlage als einem Tabubruch mit gravierenden Folgen. „Die Koralpe ist gefallen. Sie verwandelt sich in ein Industriegebiet“, erklärte eine Frau aus dem Lavanttal.

Auch Herbert Jungwirth sieht im ersten Windrad, das genehmigt wird, den kleinen Stein, der eine Lawine ins Rollen bringen kann. Darin liegt seines Erachtens die größte Gefahr: „Das ist das Schicksal bereits vorbelasteter Regionen. Es ist kein Ende in Sicht.“ Aus zehn Windrädern würden schnell 100, eben weil der Widerstand gebrochen, vergleichbare Flächen bereits gewidmet und ähnliche UVP-Verfahren bereits abgewickelt seien. Dem Reiz des großen Geldes erliegen dabei vor allem kleine Gemeinden, denen von Windkraft-Konzernen hohe Beträge für die oft leeren Gemeindekassen und auch individuelle Leistungen für die Bürger versprochen werden.

Auch die viel zitierte Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP), auf die sich in der Diskussion etwa der Osttiroler ÖVP-Abgeordnete Martin Mayerl und der Asslinger Bürgermeister Reinhard Mair beriefen, ist für Jungwirth keineswegs Garant für funktionierenden Umweltschutz: „Das ist ein Bewilligungs- und kein Verhinderungsverfahren,“ argumentiert er und verweist auf die Möglichkeiten finanzkräftiger Energiekonzerne, auch auf die Flächenwidmung und die Verfahren Einfluss zu nehmen. So ist für Jungwirth etwa die neue EU-Richtlinie für erneuerbare Energien (RED III) ein Ausfluss dieser Lobbytätigkeit, weil sie mit Verweis auf die Energiewende die Verfahren für die Genehmigung von Windkraftanlagen deutlich verkürzt und erleichtert.

Der Asslinger Gemeindevorstand Thaddäus Stocker kündigte an: „Ich werde alles versuchen, um diesen Stein des Anstoßes nicht ins Rollen zu bringen.“ Foto: Dolomitenstadt/Pirkner

In der Diskussion meldeten sich auf der Seite der Gegner auch die Tiroler Landtagsabgeordnete Petra Wohlfahrtstätter (Grüne), Bezirksjägermeister Hans Winkler und Landesjägermeister Anton Larcher zu Wort, der von wenig Überlebenschancen für Birkhühner und Raufußhühner ausgeht und als Projektgegner viel Applaus bekam, ebenso wie der Asslinger Gemeindevorstand Thaddäus Stocker, der ankündigte: „Ich werde alles versuchen, um diesen Stein des Anstoßes nicht ins Rollen zu bringen.“

Er ist damit in Opposition zu Bürgermeister Mair und dessen Vize Harald Stocker, der auch Geschäftsführer des Elektrowerks Assling ist und an dessen hundertjährige Geschichte erinnerte. Man habe immer in die Zukunft geplant. Der EWA-Geschäftsführer wies, ebenso wie Bürgermeister Mair, die Anschuldigung zurück, dass im Hinterzimmer schon seit zwei Jahren an dem Projekt gebastelt wurde, ohne die Bevölkerung darüber zu informieren. Konkret plane man erst seit einem halben Jahr.

Soll es eine Volksbefragung geben? „Ich sehe die Notwendigkeit nicht. Im Moment ist die Zeit nicht reif“, antwortete Bürgermeister Reinhard Mair auf diese Frage. Foto: Dolomitenstadt/Pirkner

Den Vorwurf mangelnder Transparenz erhob generell auch Referent Jungwirth und brachte Beispiele, bei denen Bürgerbefragungen durch einseitige Information und Zusicherung von Geldleistungen und Stromrabatten manipuliert wurden: „Da wird an der Demokratie genagt.“ Eine Zuhörerin veranlasste das zur Frage an den Bürgermeister, ob denn in Assling eine Bürgerbefragung zum Projekt geplant sei: „Ich sehe die Notwendigkeit nicht. Im Moment ist die Zeit nicht reif“, antwortete Reinhard Mair.

Er wird sich nach diesem Abend aber wohl auf tatkräftigen Widerstand einstellen müssen, wobei Robert Lukasser-Weitlaner von der Bürgerinitiative in seinem Schlusswort den Stil vorgab: „Auch wenn es uns nicht immer leicht fällt und die Meinungen weit auseinandergehen – trotzdem sollten wir im Dorf Freunde bleiben und so diskutieren, dass wir danach auf ein gemeinsames Bier gehen können.“ Den Beweis, dass das in Assling gelingen kann, erbrachten die Teilnehmer:innen gleich im Anschluss an den Infoabend im Bärenstadl.

Gerhard Pirkner ist Herausgeber und Chefredakteur von „Dolomitenstadt“. Der promovierte Politologe und Kommunikationswissenschafter arbeitete Jahrzehnte als Kommunikationsberater in Salzburg, Wien und München, bevor er mit seiner Familie im Jahr 2000 nach Lienz zurückkehrte und dort 2010 „Dolomitenstadt“ ins Leben rief.

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6 Postings

isnitwahr
vor einem Monat

Ich bin grundsätzlich schon dafür, über solche Projekte zumindest nachzudenken. Allerdings - diese Dimension ist ja echter Wahnsinn!!! 180 m Höhe in einem so sensiblen Gebiet, geht echt nicht. Wer sich nicht vorstellen kann, wie hoch das ist, der soll sich Bilder des im Bau befindlichen Donau City Tower 2 anschaun und dann ehrlich sagen, dass er/sie sowas Riesiges in OT haben möchte.

 
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Village Pizza
vor einem Monat

Wasserkraft wollen wir nicht, Windkraft wollen wir nicht, Photovoltaik wollen wir nicht, und Atomkraft wollen wir erst recht nicht. Sparsamer mit Energie umzugehen wäre sinnvoll (und notwendig), das wird aber nicht in ausreichenfem Maß passieren, so lang Energie so billig ist wie sie ist. Jungwirth hat ganz korrekt erkannt, dass die UVP ein Bewilligungs- und kein Verhinderungsverfahren ist. Sein “Argument" dass "finanzkräftige Energiekonzerne" "auf die Verfahren Einfluss nehmen" (=sich die Genehmigungen kaufen) können ist ein populistischer Unsinn.

 
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    NWGJ
    vor 4 Wochen

    wenn man in OT schon über Windkraftwerke nachdenkt, warum nicht einfach auf den Thurntaler, aufs Zettersfeld oder auf's Goldried? Richtung Felbertauern gibt es auch noch viele super Stellen für Windräder. Dort ist alles schon erschlossen und verbaut, Straßen gibt es auch schon. Warum müssen diese Windräder ausgerechnet in die unberührte Wildnis? Es gibt davon eh nur noch wenig, und ausgerechnet dort will man diese 180m-Pfeiler aufstellen? Absolut verständlich, dass sich hier Widerstand regt!

     
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Stifado
vor einem Monat

Prinzipiell bin ich nicht gegen Windkraft, aber das WO und WIE ist entscheidend - und damit meine ich nicht das Florianiprinzip, überall, nur nicht bei mir. Kritisch sehe ich auch, wenn sich eine gewisse (blaue) Partei jetzt als Retterin vor den Windrädern aufspielt und die Veranstaltung gleich zum Stimmenfang ausnützt. Sehr unglaubwürdig und heuchlerisch, weil die selben sonst für Naturschutz gar nichts unternehmen und Klimaschutz gern ins lächerliche ziehen und es auch sonst mit der Wahrheit nicht so genau nehmen, wenn man nur irgendwas dämonisieren kann - das könnte in der Sache auch kontraproduktiv werden.

 
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Burgi
vor einem Monat

Gut sind solche Anlagen mit Sicherheit nicht in den wertvollsten Naturgebieten, wie die Compedal eines ist! Wenn es wirklich unbedingt Windräder brauchen sollte, um Stromengpässe im Winter auszugleichen, dann baut sie doch bitte wenigstens in bereits erschlossene Gebiete, wie beispielsweise Schigebiete, wo schon Infrastruktur vorhanden ist und für deren Ausbau nicht mehr so viel an wertvoller Natur zerstört werden müsste! Außerdem wäre der Strom dann gleich dort, wo er im Winter in großen Mengen benötigt wird für Schneekanonen, Lifte und Gondeln!

 
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Osttirol
vor einem Monat

Zu erst sollte man nicht immer gegen was neues sein finde ich. Das möchte ich sagen in Deutschland bei Hamburg gibt es bereits sehr viele Windräder Bevor man die Anlagen Baut muss ja erst festgestellt werden gibt es dort genug Wind .Zur Zeit weiß man das noch nicht. Ausserdem werden wir die Möglichkeit brauchen Strom zu haben. Grundsätzlich habe ich nichts gegen Windkraft Wo splche Anlagen gut sind weiß ich nicht deswegen rege ich mich nicht darüber auf I

 
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