Die Dolomitenradrundfahrt aus einer anderen Perspektive

Zur 30. Auflage des Klassikers haben wir Franz Theurl auf der „Dolo-Runde“ begleitet.

Es ist kurz vor halb zehn am Sonntag, 11. Juni. Bei wolkenlosem Himmel und sommerlichen Temperaturen tummeln sich zahllose Profi- und Hobbyradler mit ihren Rennrädern auf dem Lienzer Bahnhofsparkplatz. In Kürze fällt der Startschuss zur 30. Dolomitenradrundfahrt.

Der Platzsprecher positioniert sich ein letztes Mal vor den Sportlern, performt gemeinsam mit ihnen den legendären „Huh!“-Jubel, den wir von den isländischen Fußballfans bei der Europameisterschaft kennen. Die Radler machen dabei – zumindest im zweiten Anlauf – eine recht gute Figur.

Nach dem Countdown folgt der Start. Sportgrößen wie Ski-Ass Manfred Mölgg und Rad-Profi Thomas Rohregger führen das Feld zu Beginn an. Franz Theurl, nicht nur Obmann des TVBO sondern mindestens genauso fanatisch LRC-Boss, ruft mich zu sich – er nimmt mich mit seinem Auto mit auf die Rundfahrt. Franz ist nicht einfach der Organisator dieses Rennens, er lebt es, das spürt man.

„Schau dir das Wetter an!“ Wenn Franz Theurl ins Schwärmen kommt, dann folgen meist große Worte. Wir haben mit ihm eine Runde gedreht. Seine Runde! Foto: Expa/Gruber

Theurl gibt Gas. Er versucht auf die Fahrer aufzuschließen, wirkt erfreut und nervös zugleich, schwärmt von den traumhaften Bedingungen für dieses Rennen, fürchtet sich vor schweren Stürzen auf den langen Geraden der Bundesstraße bei Nikolsdorf und steht in jedem Fall unter Strom. Mehrmals reißen die Sportler auf diesem Abschnitt ihre rechten Arme in die Luft, um die Hintermänner vor einer Gefahrensituation zu warnen.

„So wos holtet mi nit auf!“

Zu Sturz kommt dort jedoch nur ein Teilnehmer, der im Straßengraben landet. Er richtet sich sofort wieder auf und gibt mit dem Sager „So wos holtet mi nit auf!“ die Marschrichtung vor. Wenig später passieren wir einen Radler, der die Blicke der Zuschauer am Streckenrand auf sich zieht. Er ist im Trachtenoutfit unterwegs, tritt in der „Ledernen“ in die Pedale seines uralten Rades, das mit nur einem Gang ausgerüstet ist. „Singlespeed“ heißt sowas heute.

Auch mit Technik von gestern kann man ein Rennen von heute bestreiten.

In Oberdrauburg biegt der Tross in Richtung Gailberg ab. Vor allem auf den dortigen steilen Abschnitten haben sich besonders viele Zuseher versammelt, um die Fahrer für den anstrengenden Bergabschnitt zu motivieren. In Kötschach-Mauthen verfolgt man das Rennen großteils von den sonnigen Außenterrassen der Kaffeehäuser aus.

„Waaasser!“

In Strajach angekommen, erwartet die Teilnehmer die erste ersehnte Erfrischung. Mehrere Kinder haben sich in der beschaulichen Ortschaft versammelt und stehen mit Wasserbechern parat. Kaum ein Fahrer lässt sich diese Gelegenheit entgehen. Während der Großteil von ihnen versucht, damit den Flüssigkeitshaushalt ein wenig nach oben zu korrigieren, kippen sich Einige den Inhalt zur Abkühlung ins Gesicht.

„Ole, ole, ole, ole!“

Wir setzen unsere Fahrt fort, vorbei an zwei waschechten Patrioten, die sich mit einer Österreich-Fahne vor einem Bauernhaus eingerichtet haben. Franz schwärmt derweil immer wieder von den ausgezeichneten Straßenzuständen. „Mehrere hundert Tonnen Asphalt wurden aufgebracht, um die zahllosen Schlaglöcher zu stopfen. Wenn ich mir die Straßen heute anschaue, bin ich sehr stolz auf die Arbeiten, die hier binnen kürzester Zeit erledigt wurden“, zeigt sich der TVBO-Obmann erleichtert.

Marsch, Marsch – und weiter geht's!

Beim Passieren der Ortstafel „Birnbaum“ tönt flotte Marschmusik um die Kurve. Wenige Augenblicke später taucht vor uns die Musikkapelle dieses atmosphärischen Örtchens im Lesachtal auf. Nur wenige Meter hinter dem Rücken des Kapellmeisters zischen die Rennräder über den warmen Asphalt.

„Schmeiß eini!“ sagt der Franz zum Nico.

Kurz vor Untertilliach hält uns Nico Bayer, ein Deutscher mit Osttiroler Wurzeln, mit einem Platten auf. Da während der nächsten Minuten keine Mitfahrgelegenheit für ihn zu erwarten ist, springt Franz Theurl kurzerhand aus dem Auto. „Schmeiß eini!“ Nico verstaut sein beschädigtes Rad im Wagen und leistet uns Gesellschaft. Während der Fahrt erzählt mir der Mainzer, der für die Teilnahme an der Dolomitenrundfahrt aus seiner Heimatstadt angereist ist, dass seine Oma aus Debant stamme und seine Mutter in Lienz zur Welt gekommen sei.

Er lobt die Rundfahrt durch die, nach frisch geschnittenem Heu duftenden, Osttiroler Landschaften: „Die Landschaften entlang der Strecken sind wunderschön, das gibt es bei uns nicht. Dort fährt man nur ein paar Mal um eine Stadt herum.“ Umso bitterer ist es, dass ausgerechnet er, der anlässlich der 30. Rundfahrt auch seinen 30. Geburtstag feiert, durch ein Versagen des Materials heute gestoppt wird.

Routinierte Helfer am Streckenrand.

In St. Lorenzen versucht Franz Hilfe für den sympathischen Deutschen aufzutreiben. Flickzeug sucht man dort vergeblich, dafür findet man wieder eine aufspielende Trachtenkapelle sowie eine Erfrischungsstation. Einige der Leute dort betreiben den Getränkestand am Streckenrand bereits seit knapp 25 Jahren. „Und es werden noch einige Jahre folgen“, versichern sie mir einstimmig.

Die nächste Station mit Erfrischungen erwartet in Obertilliach seine „Kunden“. Dort findet Franz auch Hilfe für Nico, der damit wieder das Rennen aufnehmen konnte. Ein Fahrer rast auf einen mit Wasserbechern bewaffneten Helfer am Streckenrand zu. „Wasser! Wasser!“, hört man ihn aus der Ferne rufen und er fügt an: „…aber schütt’s mir ins G’sicht!“. Ihm werden, wie gewünscht, mehrere Wasserfontänen entgegen geschleudert, ehe er hinter einer Kurve verschwindet.

In Kartitsch haben sich ebenfalls zahlreiche Zuschauer entlang der Strecke postiert. Sie schwenken Fahnen, tröten durch den Ortskern und klatschen pausenlos. Franz nickt zufrieden.

Kurz bevor wir wieder den Ausgangsort Lienz erreichen erhält Franz einen Anruf von einem italienischen Polizisten. Ihm wird berichtet, dass der Supergiro Dolomiti, zu dem bereits am frühen Morgen in Lienz der Startschuss gefallen ist, ohne gröbere Stürze beendet werden konnte. Kurz darauf erfährt er, dass für die Dolomitenrundfahrt eine neue Rekordzeit aufgestellt wurde.

Lienz, wir kommen!

Bis er seinen Wagen auf einem Parkplatz beim Dolomitencenter abstellt, grinst der TVBO-Obmann unentwegt. Nicht nur für ihn war es ein guter Tag: Sämtliche Fahrer schwärmen nach ihrer Ankunft im Ziel auf dem Lienzer Johannesplatz von den herrlichen Bedingungen und dem einzigartigen Erlebnis.

Slideshow: Roman Wagner

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4 Postings bisher
Warum vor 4 Monaten

wenn alles so perfekt organisiert ist, frag ich mich, warum jedes jahr weniger teilnehmer sind. genauso wie bei der langlauf veranstaltung "dolomitenlauf" im winter. "ein lob an die freiwilligen helfer", aber ohne die leistungen des TVBO währe diese veranstaltung schon lange nichtmehr vom LRC zu bewältigen. (bürokraft, grafik, bauhofarbeiter, material, aussendungen, porto,supvention u.v.m

bergfex vor 4 Monaten

„Mehrere hundert Tonnen Asphalt wurden aufgebracht, um die zahllosen Schlaglöcher zu stopfen. Wenn ich mir die Straßen heute anschaue, bin ich sehr stolz auf die Arbeiten, die hier binnen kürzester Zeit erledigt wurden“, zeigt sich der TVBO-Obmann erleichtert.

Es erweckt ja den Anschein als hätte "Gott" Theuerl das alles gemacht und alles nur wegen dieses Rennens.

    peter raneburger vor 4 Monaten

    hier sind idealisten am werk, ohne die es solche veranstaltungen schon längst nicht mehr geben würde; die organisation ist perfekt, die betreuung von uns radlern sensationell; neid und missgunst sind hier absolut unangebracht . lg . peter

      bergfex vor 4 Monaten

      Es ging in meinem Post nicht um Neid und Mißgunst. Vielleicht habe ich es falsch verstanden. Im Artikel kommt es herüber, als wäre das alles von ,,eh schon wissen...und nur wegen dem Radspektakel gemacht worden.