Warum müssen wir denn leiden, Hiob?

Unser Stammtisch wurde geschlossen. Die offenen Fragen sind geblieben.

Letztens hat der Kellner Leif die Fortsetzung seiner Debatte um das Coronavirus angekündigt. Daraus wurde leider nichts, wenigstens nicht in dem Format. Die Polizei hat während der Gewerbepause den Stammtisch einfach aufgelöst. Corona-Party vor dem Gösserbräu sei schlecht für das Gewerbe. Unter dem Motto „An dieser Stelle und in diesem Augenblick sind wir die Menschheit, ob es euch passt oder nicht“ wurde das Stück auf die Hinterbühne verlegt. Wie bei „Warten auf Godot“. Da herrscht nämlich Meinungsfreiheit. Obwohl, neulich hat da einer kompetent und sachlich über aufblasbare Semmeln referiert und dafür einen veritablen Shitstorm geerntet. Gut, wer den Vind sät…

Träger der Handlung sind:

Estragon (trägt ein Tattoo mit seinem Namen auf dem Rücken)
Wladimir (trägt eine FSSPX-Maske)
Stimme aus dem Off (trägt sonst nichts zur Handlung bei)
Raphael (trägt die Verantwortung für den Monolog am Schluss)


Stimme aus dem Off:

„Von Gott kommt ja Alles. Damit auch das Virus. (…)“

Wladimir:

„Bin nicht deiner Meinung. Das Virus kommt NICHT von Gott. Das Virus kommt vom Bösen, Gott lässt es nur zu, weil sich die Menschheit großteils von ihm entfernt hat und sich durch sehr viele Verbrechen schuldig gemacht hat.“

Estragon:

„Du hast wohl die Flasche verwechselt und Weihwasser gsoffen. Do isch alles drin, was nit drinnsein soll (…)“

Raphael:

Klassisches Glaubensproblem, oder? Wenn Gott doch so allmächtig und gütig ist, warum lässt er dann so viel Leid zu? Oder schickt er es gar selbst als Strafe?

Krisen geben immer gut Gelegenheit dazu, die Theodizee Frage zu stellen. Wie rechtfertigt man einen allmächtigen, allgütigen Gott angesichts all des Leids, das der Menschheit widerfährt? Dass es Leid auf der Welt gibt, wird einem gerade jetzt besonders klar. Also müsste Gott, wenn er gütig ist, dieses Leid verhindern wollen. Offensichtlich tut er es aber nicht. Das lässt zwei Schlüsse zu: Entweder er will oder er kann nicht. Wenn er nicht könnte, wäre er nicht allmächtig. Warum sollten wir ihn dann Gott nennen? Wenn er nicht wollte, wäre er nicht gütig.

Konfrontiert mit dieser Problematik sieht sich die Religion nicht erst seit dem Aufkommen des „Neuen Atheismus“, der aus der Theodizee Frage folgert, dass Gott nicht existiert. Das Buch Hiob, welches man im Alten Testament finden kann, bietet bereits Antworten:

Dem wohlhabenden, tugendhaften und äußerst gottesfürchtigen Hiob wird, wegen einer Art Wette, die Gott mit Satan eingeht, sein Besitz und seine Gesundheit genommen. Satan will Gott beweisen, dass Hiob vom Glauben abfällt, wenn ihm Leid widerfährt. Hiob jedoch bleibt weiter gottesfürchtig, bis er schließlich doch sein Leid beklagt. Gott selbst antwortet ihm am Ende des Buches aus einem Sturm. Er fragt Hiob, wo er denn gewesen sei, als Gott die Welt erschuf. Ob er tatsächlich glaube, über das Handeln Gottes richten zu können. Hiob hat seiner Menschlichkeit gemäß keine Antwort und sieht ein, dass er Gottes Handlungen nicht verstehen kann.

Dadurch ergibt sich ein dritter möglicher Schluss: Gott hat Gründe, das Leid auf der Welt zuzulassen, die wir aber nicht verstehen können. Leid ist auch keine Strafe, Hiob hat sich nämlich nichts zuschulden kommen lassen. Das steht an anderen Stellen des Buches.

Am Ende eine eher ernüchternde Vorstellung. Wir sind schlichtweg zu dumm um Gottes Allmacht und Allgüte begreifen zu können. Dennoch ist genau das Glaube. Vertrauen in etwas, das man nicht begreifen kann und über das es keine Sicherheit gibt. Atheismus ist im Übrigen kein bisschen begreifbarer und/oder sicherer.

Auf welche Gedanken einen Postings der theologischen Abteilung von Dolomitenstadt so bringen. Muss wohl die Quarantäne sein.

Für unseren Tagebucheintrag am Karfreitag hat uns Zita Oberwalder dieses Foto geschickt, aufgenommen in der römisch-katholischen Pfarrkirche Saint-Merry in Paris.

Rudi Ingruber ist Kunsthistoriker, Leiter der Lienzer Kunstwerkstatt und freier Autor – auch für dolomitenstadt.at. Sein Corona-Tagebuch erscheint während der Zeit der „Corona-Krise“ in unregelmäßigen Abständen. Wenn Rudi eine Kunstpause macht, schreibt sein Sohn Raphael Pichler fleißig ins Tagebuch. Er zählt zum jungen Dolomitenstadt-Autorenteam.

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