Demokratie hinter Glas – die Sondersitzung des Lienzer Gemeinderates im Lockdown verlief vorweihnachtlich friedlich. Foto: Dolomitenstadt/Wagner

Demokratie hinter Glas – die Sondersitzung des Lienzer Gemeinderates im Lockdown verlief vorweihnachtlich friedlich. Foto: Dolomitenstadt/Wagner

Hauptplatz Lienz: Rückkehr der Bürgerbeteiligung

Jos Pirkners emotionaler Vorstoß mündet in eine bezirksweite Ideenfindung.

Vor voller Besuchergalerie ging am 7. Dezember im Ratsaal der Stadt Lienz die von der siebenköpfigen ÖVP-Fraktion beantragte Sondersitzung zum Thema Hauptplatz über die Bühne. Mit diesem Vorstoß wollte die ÖVP zum einen dem Osttiroler Bildhauer Jos Pirkner Gelegenheit geben, seinen von einer breiten Öffentlichkeit beklatschten Gestaltungsentwurf für den Hauptplatz dem Stadtparlament persönlich zu präsentieren. Zweites Anliegen der größten Oppositionsfraktion war die Ausschreibung eines Gestaltungswettbewerbs für den Platz. Man wollte besser als bisher „die Vielfalt der Gestaltungsvorschläge aufzeigen“, wurde argumentiert.

Begleitet von seinem Sohn Gidi schilderte Jos Pirkner dem Lienzer Gemeinderat seine Vorstellungen zur Hauptplatzgestaltung. Foto: Dolomitenstadt/Wagner

Pirkner, der mit Geschenken zu seinem 94. Geburtstag begrüßt wurde, ging nach der Präsentation seines Entwurfes – den wir bereits ausführlich beschrieben haben – weniger auf die gestalterischen Details der eigenen Arbeit als auf die Motivation für sein künstlerisches Engagement ein und betonte einmal mehr, dass ihm der von der Stadtverwaltung im Sommer gezeigte Vorschlag aus mehreren Gründen ungeeignet erschien, allen voran die räumliche Gliederung. Eine Wasserritsche entlang der Längsachse und alleeartig angeordnete Baumreihen gefährden aus Sicht des Künstlers den Platzcharakter und die Multifunktionalität des Platzes ebenso, wie die parzellenartig eingezeichneten Bodenlinien, die einzelnen Häusern ein Platzsegment zuordnen.

Die anschließende Debatte entwickelte sich für die meisten Beobachter überraschend. Es ging nämlich nicht um Pirkners Brunnen und die von ihm vorgeschlagene bepflanzte und beleuchtete Platzinsel vor der Liebburg. Den Entwurf an sich zu kritisieren wagte niemand im Saal. Pirkner selbst musste sich danach erkundigen, pickte spontan mit Armin Vogrincsics einen Mandatar aus der schweigsamen SPÖ-Reihe, indem er ihn direkt ansprach und fragte: „Was sagen denn Sie zu meinem Entwurf?“ „Also mir persönlich gefällt er sehr gut“, war die Antwort.

Jos Pirkner schlägt eine Brunnenskulptur in Kombination mit einer bepflanzten und beleuchteten Platzinsel vor. Visualisierung: Aberjung
Der „Amtsvorschlag“ der Stadt setzt vor dem Hintergrund des Klimawandels auf Baumbepflanzung und eine Wasserritsche. Visualisierung: Aberjung

Debattiert wurde wesentlich programmatischer und – angesichts der im Vorfeld geschürten Emotionen erstaunlich – mit spürbar versöhnlichem Unterton. LSL-Mandatar Hannes Schwarzer gelang gleich zum Start eine Wortschöpfung, die ins fixe Vokabular der Hauptplatzplaner eingehen wird. Er bezeichnete den von der Stadt vorgelegten Entwurf, den der Innsbrucker Architekt Dieter Tuscher und das Designbüro Aberjung fachlich begleiteten, als „Amtsentwurf“ und erinnerte an pragmatische funktionale Vorgaben, die in einem jahrelangen Planungsprozess und in vielen Diskussionsrunden ausgearbeitet wurden.

VP-Mandatar Christian Steininger nahm den Ball auf. Ein technischer Entwurf der Stadt sei auf einen emotionalen Entwurf Jos Pirkners getroffen und dabei sei eines sichtbar geworden: „Wir haben versucht alle Türen zu öffnen, aber wirklich abgeholt haben wir die Leute nicht. Vielleicht sollten wir all die erarbeiteten Details als Grundlage nehmen für einen Wettbewerb. Diese Sitzung verstehen wir als Einladung an alle, uns anzuschauen, welche Ideen daherkommen.“

Bürgermeisterin Elisabeth Blanik griff das Stichwort Wettbewerb auf und gab zu bedenken, dass bei einem 5-Millionen-Euro-Projekt EU-weit auszuschreiben sei, was viel Geld und Zeit koste, mit ungewissem Ausgang: „Eines muss euch klar sein, der Entwurf von Jos Pirkner ist dann wohl auch vom Tisch“. Die Konsequenzen einer internationalen Ausschreibung vor dem Hintergrund herannahender Wahlen – Blanik: „Niemand kann sicher wissen, ob wir im März noch zuständig sind“ – erschloss sich auch der ÖVP-Fraktion, die zunächst noch einen wettbewerblichen Dialog nach dem Muster der Nordschul-Planung ins Spiel brachte und dann eine Sitzungsunterbrechung forderte, um einen Kompromissvorschlag abzusprechen.

Und so endete nach Wiederaufnahme der Sitzung der Abend mit einer Rückkehr der Bürgerbeteiligung. VP-Mandatar Alexander Kröll schlug vor, anstatt eines internationalen Wettbewerbs einfach noch einmal die Bürger:innen zur Mitgestaltung aufzurufen, „zu einem Wettbewerb der Ideen aller Osttirolerinnen und Osttiroler bis Ende April“.

Bürgermeisterin Elisabeth Blanik signalisierte spontan Zustimmung und lud auch Jos Pirkner ein, sich mit seinem Vorschlag und seiner Expertise bei einer künftigen Gestaltungsentscheidung einzubringen. „Wir können ja noch breiter denken und auch die Schulen einbinden“, meinte die Bürgermeisterin und verwies darauf, dass ein 1:200-Modell des Hauptplatzes bis Ende Dezember fertiggestellt werde und man damit auch eine Möglichkeit habe, die vorgelegten Ideen plastisch zu zeigen und zu beurteilen.

„Ich glaube, das ist ein ganz konstruktiver Vorschlag“, schloss Blanik und deutete an, dass der Ausschuss für Stadtentwicklung, den die ÖVP leitet, mit der Umsetzung betraut werden könnte. Zur Abstimmung stand schließlich der Vorschlag, „die Ideenfindung für den Lienzer Hauptplatz im Bezirk noch einmal auszuweiten“, der mit einer Enthaltung angenommen wurde.

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12 Postings bisher
Chronos

Es geht ja...

Ein Miteinander ist, wie man sieht, auch in der Politik möglich. Bravo!

    senf

    ich freue mich schon auf die vorschläge aus ganz osttirol, die alles über den haufen werfen. multifunktional versteht sich: von der artenreichen mähwiese, einen palmenwald aus topfpflanzen mit heliport, oder einen alles überragenden klettergarten aus dolomitgestein, einen reitparcour für esel und pferde, eine sommer- und winterfähige langlaufsprintbahn mit balkonhohe steilkurven, ein freiraum- und versuchslabor zur herstellung regionaltypischer schnapsprodukte oder eine kurzparkzone mit erdäpfelzeilen abgetrennte parknischen. es wird jedenfalls spannend, die möglichkeiten sind ja unerschöpflich 😳😳😳

      Ceterum censeo

      Allein der Schwenk, jetzt noch umfassender zu diskutieren, ist grundsätzlich begrüßenswert und taktisch klug. Die bisherigen Varianten waren mir zu einseitig. Senf zählt, ironisch gemeint, einige Vorschläge auf. Ich möchte sie um ein Riesenrad, wie in Villach, ergänzen. Oder einen Aussichtsturm aus Holz - riecht einheimisch - wie am Pyramidenkogel. Von der Riiiiiiitsche muss man sich verabschieden! Für Spannung im GR-Wahlkampf - was tatsächlich kommt - ist gesorgt.

      senf

      hallo chronos:

      die opposition hat das verlangt, wonach ihr war, sie durften das auch und das nenne ich demokratie.

      trotzdem: eine "zusammenarbeit" auf dieser ebene muß es ja im parteiensystem nicht unbedingt geben, jeder kocht sein süppchen und will bei den wahlen punkten. am ende gibts den lorberkranz "versprochen - gehalten!" nennt man das spiel allzugerne.

      du hast mich toll ergänzt, das riesenrad will mir nicht mehr aus dem kopf. nein, spass beiseite. wir sind aufgerufen, ideen einzubringen, so habe ich die gemeinderatswilligen jedenfalls verstanden.

      der hauptplatz soll ein platz bleiben - als gesellschaftlichen treffpunkt. daher soll man diesen möglichst praktisch und zeitgemäß und so einrichten, dass es den (kleinstädtischen) geschmack trifft und das ein wenig wiederspiegelt, was lienz ausmacht. Ich halte nicht alles, aber einiges vom josvorschlag. z. bsp. den platz nicht in einen raster einzuteilen, dessen farbgebung oder nicht zu allzuviele bäume. ein platz sollte nicht unbedingt die die lebensepoche eines künstlers prägen, deshalb sollte das attraktive brunnenmeisterwerk mit den streichern unbedingt in die nähe vom schloss bruck kommen. dort würde ihm viel mehr aufmerksamkeit und bewunderung entgegengebracht. die sprühbrunnenidee des stadtvorschlages hat schon was, allerdings würde ich auf das gerinne verzichten, denn der stadtplatz ist auch aufenthaltsort für so maches kleingetier.

      mir fehlt bisher gänzlich ein großes, modern gestaltetes stadtrelief mit dem prägenden zusammenfluss der mächtigen isel und der drau, umrahmt von zwei geologischen gebirgsketten. ein alleinstellungsmerkmal der dolomitenstadt!

      das platzdrittel am ostende des platzes sollte dann für events mit der fahrbaren bühne dienen und weiter zur straße hin ein oder zwei für taxidienste ausgerichtet sein. optisch getrennt, geschickt und unauffällig integriert - diesmal vielleicht mit topfpalmen umgeben.

      mir fehlt bisher auch eine attraktive nische, die der kunst, handwerk, Sport wissenschaft, gesellschaft allgemein oder präsentationen der stadt gewidmet ist und jährlich abwechselnd über den sommer mit interessante themen zuwendet (personen, partnerstädte, naturphänomene, geschichten, sport ...). Einfach alles, was die stadt lienz bietet oder kann. hiefür sollten auch moderne präsentationsmethoden zum tragen kommen.

      und anstatt des riesenrades, oder den dolomit-kletterberg könnte ein turm der liebburg per fuss als aussichtskanzel dienen. warum nicht?

      ja, liebe chronos, jetzt sollen auch mal andere gscheit sein und nach 29 diskussionsjahren einmal scharfen senf dazugeben.

      🤔

    Chronos

    Ja, senf! Du bringst eine Menge interessanter Vorschläge auf den Tisch. Ergänzen möchte ich noch mit einem Kinderspiel- und Freizeitpark (8-ter Bahn über die Liebburg), einem 50x10m beheizten Swimmingpool, Liegewiese beheizt und wintertauglich mit Palmen (für Landschaftsbild u. Schattenspender). Letztere hast du eh genannt. Gratis Eintritt für Groß u. Klein, sowie für alle ausländischen Gäste.

    Nein, lieber senf! Es geht um ein Zusammenarbeiten aller politischen Kräfte. Findest du einen politischen Dialog und Konsens nicht auch schön? Nach den Streitereien in der letzten Zeit und Missgunst um einen politischen Vorteil einer anderen Fraktion. Ist ein Miteinander und politische Harmonie nur illusorisch, senf? Du, ich u. andere hätten nichts mehr zu bekritteln, brauchen nicht ständig unseren *Senf* verteilen?

      Bellavista

      Ahhh! Wenn die ÖVP Öffentlichkeit fordert, ist es Wahlkampfgeplänkel. Aber wenn Herr Ebner, der gerne Bürgermeister werden möchte (von Null auf Hundert), ist das konstruktiv. ok! Wers glauben mag...

Domenik Ebner

Die Headline "Viel Lärm um nichts" wäre wohl auch sehr passend. Eine polternde ÖVP die spannenderweise kurz vor den Wahlen aufwacht und auf Opposition macht und das obwohl sie die ganzen letzten Jahre immer mittendrin statt nur dabei war.

Das Grundproblem ist die Art und Weise wie große Projekte in der Stadt umgesetzt werden. Eine digitale Beteiligungsplattform für alle Bürger_Innen, 24/7 von überall aus, transparente Prozesse, Interaktionsmöglichkeit, offene Diskussionen bis hin zu Abstimmungen... das alles wird für die Zukunft benötigt.

    Chronos

    Sie sollten das (ein Miteinander) auch beherzigen, Herr Ebner.

    Bellavista

    Unsere Volkvertreter kommen inhaltlich wieder auf einander zu, was in dieser Sache zu begrüssen ist. Sie Herr Ebner sind keiner unserer Volksvertreter. Ich habe eher den Eindruck, kurz vor den Wahlen wollen Sie unbedingt Aufmerksamkeit. Ihr Zwischenruf an dieser Stelle kommt etwas peinlich rüber.

      Domenik Ebner

      Grüß Sie Bellavista, wieso ist die Diskussion um den Hauptplatz so wie sie derzeit läuft? Kurz vor der Umsetzung eines 5 Mio Projekts wird alles nochmal aufgeschnürt? Bitte verstehens mich nicht falsch - mir gehts nicht um den einen oder anderen Vorschlag - mir gehts um Handwerk des Projektmanagements.

      Über Jahre hinweg wurde im Hinterkammerl geplant - ohne Transparenz, ohne Kommunikation über den Fortschritt, die Überlegungen, Vor-Nachteile Richtungsentscheidungen mit Feedbackschleifen der Bürger_Innen... um alle bereits im Planungsprozess einzubinden.

      Nichts anderes schlage ich für die Zukunft vor. Eine digitale Plattform für Projekte der Stadt um genau solche Diskussion kurz vor der Wahl und kurz vor der Umsetzung zu verhindern.

      Ceterum censeo

      Zwischenrufe ohne Substanz. Dieser Eindruck verstärkt sich immer mehr.

so ist es vielleicht

Sehr gut, die Menschen reden miteinander und nicht gegeneinander! So kann dann auch etwas Gscheites daraus werden! Drüberfahrpolitik war mal, nur muss dies auch erst in so manchem Politikergehirn ankommen! 👌