Schere, Stein, Papier: Rückblick auf das Kunstjahr 2021

Erst starb der Defregger, dann stand der Salcher wieder auf und am Ende warten wir auf ein Buch.

Sich an das abgelaufene Jahr 2021 zu erinnern, ist für den Kunstgeschichtler keine ganz einfache Übung. Die Lücken zwischen den künstlerisch relevanten Ereignissen sind nämlich größer als die Lücken in seinem Gedächtnis. Und das will was heißen!

Dabei hatte alles so vielversprechend begonnen. Der 1. Januar war zwar noch unauffällig, nicht einmal ein Konzert störte die Ruhe des Lockdowns, doch schon am nächsten Tag erschütterte eine Todesnachricht ganz Osttirol: Franz von Defregger war verstorben. Zwar schon vor einhundert Jahren, aber der durchschnittliche Osttiroler musste sich erst einmal schlau machen, wer dieser Mann denn überhaupt war. Auch Dolomitenstadt hatte für ihn nur eine Randnotiz übrig.

Einzig die Defregger Musikkapelle in Dölsach erinnert sich noch an ihn. Ob die Dölsacher Musikkapelle in Defereggen das auch tut, wage ich nicht zu behaupten. Dies umso weniger, als just noch am selben Abend in der Bezirkshauptstadt das Wahrzeichen des kulturellen Austausches, gleichsam die Petrischale für Osttirols stupende Diversität, unter der Schneelast zusammengekracht war.

Begraben unter Schnee und Schutt – ein ehemaliges Wahrzeichen des kulturellen Austausches in Osttirol. Foto: Dolomitenstadt/Pirkner

Die ehemalige Versteigerungshalle der Raiffeisengenossenschaft hatte einst Viehhändler und Bauern aus den allerhintersten Tälern zusammengeführt, die hier ihre Geschäfte per Hand- oder Faustschlag und ein paar Gläschen besiegelten. Und der Weinhändler von nebenan hatte daraus sein eigenes Geschäftsmodell abgeleitet. Unter seiner Ägide wurde der heimische Faustkampf zur Philosophie und so mancher Gelegenheitstrinker zum Frühschoppenhauer.

Da wusste man noch, was eine Rechte bedeutet. Bei den Kampfkünstlern, die sich Mitte der 1970er Jahre im Schlepptau der Rebellen vom Liang Shan Po auch in Osttirol organisiert hatten, war das im heurigen Juni keineswegs mehr so sicher. Angeblich gab es dort mehrere Rechte.

Jedenfalls aber musste die Versteigerung des Lienzer Adventkalenders, die ja für nur wenige Tage später geplant war, in den Sommer und in das Heizhaus der Eisenbahnfreunde ausweichen. 70 Jahre alt war die Versteigerungshalle, genauso alt wie der Lois Salcher, der es allerdings erst in der zweiten Jahreshälfte in die Schlagzeilen schaffte. Aber immerhin: Ihn gibt es noch!

Dass zwischenzeitlich nur wenig los war, hat einerseits mit den permanenten Beschränkungen, die den Kunstbetrieb inner- und außerhalb unseres Landes bedrohten, zu tun. Andererseits aber auch damit, dass die Stadt Lienz schon im Mai 2020 ihre Kulturförderung in ein Langzeitprojekt investierte, von dem man sich nicht erwarten konnte, dass es ein Jahr später schon realisiert werden würde: das Lienzer Stadtbuch.

Dessen Autor verstand es zumindest, seine Gläubiger mit einem im Mai 2021 publizierten Teaser bei Laune zu halten. Dank des Büchleins über die Michaelskirche wissen jetzt wenigstens die Bewohner der Beda-Weber-Gasse über ihre Geschichte Bescheid. Deswegen hat man dort auch schon mit dem Pflastern begonnen. Die Bewohner der Innenstadt werden sich noch ein wenig gedulden.

Mit der traditionellen Methode „Schere, Stein und Papier“ zauberte Jos Pirkner einen Lienzer Hauptplatz! Foto: Dolomitenstadt/Pirkner

Apropos: Ende August veröffentlichte der Tristacher Bildhauer Jos Pirkner seinen Entwurf für ein weiteres Langzeitprojekt der Bezirksmetropole. Mit der traditionellen Methode „Schere, Stein und Papier“ zauberte er einen Lienzer Hauptplatz, der in einer – nicht repräsentativen – Umfrage rund zwanzigmal mehr Zustimmung fand als der offizielle Vorschlag der Stadt. Und nur um den Künstler in die angemessene Ahnenreihe zu stellen, konnten sich die Osttirolerinnen und Osttiroler plötzlich an Defregger und Egger-Lienz wieder erinnern!

Natürlich wird es einen Hauptplatz, wie ihn Jos Pirkner sich vorstellt, nie geben. Aber dank des Verfahrens der digitalen Visualisierung kannst du dich heute an Dingen erfreuen, die gar nicht da sind. Früher hätte man dich in so einem Fall zum Doktor geschickt oder der Einnahme verbotener Substanzen bezichtigt.

Die Kunst ist im abgelaufenen Jahr überwiegend in den virtuellen Raum übersiedelt, und Dolomitenstadt ist nicht ganz unbeteiligt daran. Ganze zehn Neuzugänge, nicht zuletzt aufgrund geplatzter Ausstellungstermine, hatte die Online-Galerie zu verzeichnen, fast doppelt so viele wie im Vorjahr. Und es hätten durchaus noch mehr sein können, hätte sich ihr Kurator nur ein bisschen mehr angestrengt!

Blickte Albin Egger-Lienz mit diesem Gemälde eines Bozner Impfpflichtverweigerers in die Zukunft? Foto: Schloss Bruck/Wikicommons

Dass sich aber die Avantgarde nicht an die elektronische Datenverarbeitung festnageln lässt, bewies einmal mehr Egger-Lienz: Mit dem Gemälde des Bozner Impfpflichtverweigerers, der den Aufmarsch seiner blinden Passagiere mit hochgehaltenem Kruzifix anführt, hat er tatsächlich weit in die Zukunft geblickt. Nur die mit „Jesu Blut heilt“ beschriftete Sprechblase ersparte er sich. Sie wäre angesichts seines „Auferstandenen“ in der Kriegergedächtniskapelle auch wenig glaubhaft gewesen.

So ganz nebenbei möchte ich, weil es gerade dazu passt, noch auf meine Anfang April initiierte Serie „Meisterwerke“ hinweisen. Mit ihr versuche ich, Kunstinteressierte vom virtuellen in den öffentlichen Raum zu entführen und auch bei geschlossenen Museen und Galerien mit Stoff zu versorgen. Ich werde sie wohl im bevorstehenden Jahr fortsetzen müssen, bedanke mich auf diesem Wege aber schon jetzt aufrichtig und aus tiefstem Herzen bei meinen Lesern. Bei allen beiden!


Rudolf Ingruber ist Kunsthistoriker, Leiter der Lienzer Kunstwerkstatt und Autor. Für uns kritzelt er Notizen einfach an den Rand der Ereignisse, also dorthin, wo die offizielle Berichterstattung ein Ende hat. Wir präsentieren in unregelmäßigen Abständen „Rudis Randnotiz“.

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aenda

... und bei den treuen und fleißigen Postern und deren Lesern und bei jenen, welche nur die Posts lesen

Raphael Pichler

"Wer ein großer Künstler ist, konnte noch nie dadurch bestimmt werden, wie viel Kapital jemand erwirtschaftet." Die Wahrheit einer Aussage hängt nicht von der Anzahl der gegeben "stimme zu" Bewertungen ab. Und die Anzahl der Postings unter einem Artikel sagt weder über die Zahl der Leser, noch über die Qualität des Textes etwas aus. Was wäre Dolomitenstadt nur ohne Rudi Ingruber?