Die letzten Österreicher. Foto: Filmszene

Die letzten Österreicher. Foto: Filmszene

Aus dem Salzkammergut in das ukrainische Königsfeld

Lukas Pitscheider portraitiert in einem Dokumentarfilm „Die letzten Österreicher“.

Im 18. Jahrhundert sind rund 200 Österreicherinnen und Österreicher aus dem Salzkammergut in die heutige Westukraine ausgewandert, um sich dort ein gänzlich neues Leben aufzubauen. Auch heute existiert noch eine kleine deutschsprachige Minderheit in der Ortschaft Königsfeld (ukrainisch Ust-Tschorna). Der Südtiroler Filmemacher Lukas Pitscheider ist in das weit entlegene Tal aufgebrochen und hat mit seinem Dokumentarfilm „Die letzten Österreicher“ (2020, 85min) die Angehörigen dieser aussterbenden Volksgruppe portraitiert und ihr Lebensgefühl eingefangen. 

Wie bist du in die Ukraine gekommen und was war deine erste Begegnung mit der österreichischen Kolonie dort?

Ich war zum ersten Mal im April 2016 in der Ukraine. Da war ich auf einer Trecking-Tour ohne konkrete Reiseziele. Ich bin von Wien mit BlaBlarCar bis zur Endstation des Fahrers mitgefahren und so in der Stadt Mukatschewo gelandet, der zweitgrößten Stadt in der Karpaten-Ukraine. Dort bin ich dann mit einer deutschsprachigen Minderheit in Kontakt gekommen. Die haben mir von einem ukrainischen Tal erzählt, in dem Österreicher leben. Bei meiner zweiten Reise bin ich dann gezielt dorthin gefahren und so ist dann auch die Idee zum Film entstanden. 

Was waren deine ersten Eindrücke von der Ortschaft Königsfeld?

Für mich war es ein bisschen wie eine Zeitreise. Schon die Fahrt in dieses enge Tal, bei Finsternis, wo man so richtig durchgeschüttelt wird in den kleinen lokalen Bussen. Bei der Ankunft habe ich zwei Zivildiener kennengelernt, die aus Österreich entsandt wurden. Die haben mich ein bisschen herumgeführt, so bin ich auch gleich zu den Protagonisten des Films gekommen… Was die Stimmung angeht, habe ich ein extremes Gefühl der Nostalgie wahrgenommen – ein Nachtrauern einer alten Zeit, in der das Dorf noch gänzlich österreichisch war. Man kann dem schon Glauben schenken, dass es früher wirklich besser war, als noch zahlreiche Besucher in das Dorf kamen, um sich etwa die schön dekorierten Häuser anzusehen.

Lukas Pitscheider. Foto: Helmut Lunghammer

Wie erging es dir beim Verstehen des Dialekts, der ja auch im Film gut herauskommt?

Ich habe mit den Einwohnern dort bewusst tirolerisch geredet, damit sie auch im Dialekt reden, denn manche von ihnen haben studiert und sind auch der deutschen Hochsprache mächtig. Sie können sich sprachlich auch gut anpassen, weil sie es gewohnt sind, dass sie Besuch aus Österreich bekommen. Ich habe aber kaum Schwierigkeiten gehabt, ihren Dialekt zu verstehen. Es gibt schon manche Vokabeln, die fremd für mich waren, zum Beispiel „Krumpli“ für Kartoffeln oder „Lefzen“ für Lippen. Sie haben schon einen eigenen Wortschatz, der im restlichen deutschen Sprachraum nicht mehr gebräuchlich ist.

Das ist sicher auch für die Sprachwissenschaft interessant – wie sich der Dialekt dort entwickelt hat und was erhalten blieb…

Das Tal ist in der Tat Forschungsgegenstand, vor allem der Linguistik und der Ethnologie, weil sich die Kultur und die Sprache des Salzkammerguts seit dem 18. Jahrhundert dort quasi musealisiert haben. Die Sprache gibt es in der Form nirgends mehr, aber natürlich hat es auch einen ukrainischen Einfluss auf die Sprache gegeben.

Wie verhält es sich dort mit kulturellen Traditionen? Werden die gezielt gefördert?

Auch davon sind viele erhalten geblieben, wie zum Beispiel das Scheibenschlagen. Ich bin nach dem Filmdreh draufgekommen, dass es das auch heute noch im Tiroler Oberland, in Vorarlberg und im Vinschgau gibt. Es ist interessant, über welche entfernten Ecken sich diese Tradition erhalten hat.

Es gibt keine finanziellen Mittel, um Kultur und Sprache dort aktiv zu fördern. Die Alten leben es noch, die Jungen kaum. Bei den mischsprachigen Familien ist meist der ukrainische Zweig stärker. Ein Fels in der Brandung ist die Kirche. Es gibt zwar schon seit Jahren keinen deutschen Pfarrer mehr, aber dennoch legen die wenigen deutschsprachigen Katholiken dort viel Wert darauf, dass der Ritus auf Deutsch gesprochen wird. Ihre Mundart, die wird aber sicher aussterben.

Du bist aus dem Südtiroler Grödner Tal – hast du Gemeinsamkeiten erkennen können zu Königsfeld?

Ja natürlich, einige. Ich gehöre selbst ja der Ladinischen Sprachgruppe an. Das war sicher auch eine Motivation für mich, den Film zu drehen – die Frage beschäftigt mich schon, wie eine Sprache in kurzer Zeit aussterben kann. Im Gegensatz zum Dialekt der österreichischen Kolonie wird die Ladinische Sprache aber sehr gefördert, zum Teil auch künstlich erhalten.

Wie haben dich die Menschen dort aufgenommen, hast du auch Freundschaften geschlossen?

Ich war jetzt, glaube ich, neun Mal drüben, mittlerweile kenne ich dort alle. Es besteht schon ein recht freundschaftliches Verhältnis. Zu vielen habe ich auch jetzt Kontakt. Alleinig die Familie, die nach Kalifornien ausgewandert ist – von denen habe ich nichts mehr gehört, keiner aus dem Tal hat Kontakt zu ihnen. Die haben sich ein gänzlich neues Leben aufgebaut und alle Verbindungen gekappt.

Weißt du auch, inwiefern der Krieg ihre Gegend beeinflusst?

Königsfeld liegt zwar weit weg von den Kriegsschauplätzen, aber man spürt schon einiges. Täglich kommen viele Flüchtlinge an. Beim letzten Mal, als ich telefoniert habe, waren es 800, aber das ist jetzt auch schon zehn Tage her, inzwischen sind es sicher mehr geworden. Es haben sich auch einige aus dem Dorf freiwillig für den Kriegseinsatz gemeldet.

Was war dir wichtig, in Hinblick auf die Art und Weise wie du die Geschichte in deinem Dokumentarfilm erzählst?

Es gibt da unzählige Möglichkeiten, wie die Geschichte dieses Tales erzählt werden kann.
Ich wollte mit dem Film ein Gefühl vom Leben und den Menschen dort vermitteln, da war mir eine cineastische und künstlerische Umsetzung wichtiger, als historische Fakten zu liefern, die man einfach nachrecherchieren kann. Die Szenen sind daher auch ziemlich lang gehalten, mit wenigen Schnitten. Diese Langatmigkeit soll das Gefühl zum Ausdruck bringen, wie es ist, einer sterbenden Minderheit anzugehören – ihre letzten Atemzüge einzufangen.

Bei mir hat sich die Musik besonders eingeprägt – wurde die eigens für den Film komponiert?

Genau, es ist eine eigene Komposition. Ich habe sehr lange gesucht, um die passenden Musiker dafür zu finden. Das Trio ist eine Teilzusammensetzung der bekannten Gruppe Folksmilch – es sind sehr gute Jazzmusiker. Die haben den Nerv sofort getroffen. Es war mir ein Anliegen, dass Instrumente gespielt werden, die in der Gegend auch vorkommen: Geige, Kontrabass und Akkordeon. Die Musiker haben das akustisch super umgesetzt, auch in der Dynamik. Der Soundtrack wurde 2020 sogar als beste Dokumentarfilmmusik im deutschsprachigen Raum ausgezeichnet.

Hat es auch eine Filmvorführung vor Ort gegeben? Wie waren die Reaktionen aus der Community dort?

Ich war im November extra für eine Filmvorführung dort, weil es mir wichtig war, dass er vor Ort auch gezeigt wird. Es war aber keine Überraschung mehr. Den Film habe ich den Protagonistinnen zuvor schon zur Verfügung gestellt – mit der Bitte, ihn nicht weiterzuverbreiten, aber natürlich hat am Ende das ganze Tal den Film schon gekannt, bevor wir ihn gezeigt haben. Alle, die ich gefragt habe, sagten, dass sie den Film schon gesehen hätten. Was die Reaktionen betrifft, so war es für mich als Filmemacher das größte Kompliment, das man kriegen kann, denn die Angehörigen waren sehr zufrieden mit dem Ergebnis. Ich war wirklich erleichtert, weil ich mir im Vorhinein schon Gedanken gemacht habe, wie sie den Film aufnehmen, weil ja doch viele intime Momente gezeigt werden.

Brigitte Egger, geb. 1993, hat in Innsbruck Vergleichende Literaturwissenschaft und Philosophie studiert. Sie schreibt als freie Journalistin über Kunst und Kultur und ist auch selbst in der Kulturarbeit tätig.

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Weitblick

Nach dem Lesen des Artikels hätte ich mir den Film wirklich gerne angesehen, aber er wird wohl gerade nirgends gezeigt und ist auch online nicht verfügbar, oder habe ich etwas übersehen?

 
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